Ultima Thule - Eine Reise an den Rand der Welt (2005)

Ultima Thule - Eine Reise an den Rand der Welt (2005)

Oder: Wenn des Adlers' Auge funkelt...

Ultima Thule - Eine Reise an den Rand der Welt

Wirtschaft, also bin ich?

Karrierebewusst und gleich dem Bilderbuch des erfolgreichen Managers entstammend lebt Alfred Böhler (Stefan Kurt) sein Leben. Zu seiner Rechten stehen ihm Ehefrau Anita (Barbara Auer), Tochter und Sohn zur Seite. Links von ihm befinden sich die mehr geldwerten Objekte - Zu seiner Linken sind da Topjob, Haus, toller Jaguar und ein Vermögen, das sich sehen lässt.

Ultima Thule - Eine Reise an den Rand der Welt

Natural-mente!

Stets unter jobbedingtem Zeitdruck passiert es: Fred Böhler fährt auf der Autobahn wegen dichten Nebels beinah ungebremst eine stehende Kolonne. Er erleidet ein schweres Hirntrauma und muss umgehend in die Notaufnahme überführt werden. Sein Leben hängt an einem äusserst feinen seidenen Faden. Während das Spitalpersonal sämtliche Register zieht, um Fred am Leben zu halten, geht dieser geführt von einem Adler auf eine sehr persönliche weite Reise. Über das kalte ewige Eis des Nordens hinweg, von den eindrücklichen Gletschern bis zu den kargen Felsblöcken und -brüchen wandert er dem Wasser entlang und gelangt schliesslich an Orte, die grüner nicht sein könnten.

Was, wenn Alfred Böhler am Ende seiner (Traum-?)Reise angelangt sein wird?


DVD-Rating

Wikipedia listet zu "Ultima Thule" unter anderem die folgende Bezeichnung auf: "einen Ort, der auf keiner Karte verzeichnet ist,[...]" und verweist weiter auf Thule (Insel). "Thule" lässt sich wiederum grob in letztes Land übersetzen. Der Weg, den Fred Böhler beschreitet ist jener nach "Ultima Thule", dem Land hoch oben im Norden. Und hier hätten wir sie bereits, die pure Philosophie, von der Ultima Thule durch und durch gezeichnet ist: Wohin wandert der menschliche Geist, wenn der Körper im Koma festgehalten wird?

Das Werk von Hans-Ulrich Schlumpf beginnt dort, wo sich die etwas über dem Durchschnitt angesetzte Schicht befindet: In einem aufgeräumten, sauberen, durchdesignten Rolf Benz'schen und USMisierten Zürcherviertel. Aussen vollkommen "hui!" und sogar innen ziemlich "momol!". Doch ganz tief drin, dort wo man's beinah selber nicht immer wiederfindet, eher "ui!".

Grund genug, Themen wie dieses "eventualvorsätzliche Schein-Sein" aufzugreifen. Auf den Schwingen des Adlers dringt der Zuschauer in die zerklüftetsten, geheimnisvollsten und beinah unauffindbaren Windungen der menschlichen Seele vor. Und das, ohne dabei vielen Worte der Protagonisten zuhören zu müssen. Die Macht der vollkommenen und überwältigenden Bildern der nördlichen Regionen dieser wunderbaren Welt reicht aus, die Gedanken auf die "richtige persönliche" Spur zu bringen: Wohin reist der komatöse Patient? Wohin zieht es seinen Geist?

Ultima Thule zeigt verschiedene - wenn auch nicht gleichermassen brisante - Themen auf, die in letzter Zeit diskutiert werden: Vom Klimawandel bis hin zum sogenannten drohenden Burn-Out infolge Leistungsdruck (von innen und aussen) bei Büezern und Krampfern.

Abgesehen von den philosophisch-psychologischen Fragen, die sich mir während und nach dem Film stellten, ist Ultima Thule ein vollends gelungener Dokumentarfilm. Mit viel Aufwand (= schwierige Close-Ups, siehe Making Of) wurden lebende Adler in die Geschichte eingespannt und ferne, unberührte Orte im hohen Norden besucht. Die Aufnahmen, welche dabei entstanden sind, verursachen Hühnerhaut. Grossartig!

Einziger negativer Punkt ist eventuell, dass bei den wenigen Dialogen und den überzähligen Dok-Stil Bildern Längen entstehen, die manche dazu verleiten könnten, ein Nickerchen einzuschieben. Doch ist man sich dieser Gefahr gewahr, kann sich der Filmfreund ja vorgänglich ein, zwei Redbull einverleiben. Koffein ahoi!

Fazit zum Film: Ein Werk, das Seinesgleichen sucht. Der Film lebt vom philosophischen Gehalt und den atemberaubenden Naturaufnahmen. Action-Entzugserscheinungen bei gewissen Filmaffectionists zu erwarten. Läuft bei Arthouse-philen und "ich sinnier gerne auf Anstubsen durch einen Film weiter" wahrscheinlich unter "kleiner Philo-Dok-Juwel".

DVD: Viel Lob vermag die DVD leider von meiner Seite her nicht einzuheimsen. Ausser dem sehr eindrücklichen Making Of, welches zuweilen echt spannend daherkommt, hat die Scheibe nur unspektakuläre, unbewegte Zusätze vorzuweisen. Bild und Ton sind genügend. Vom Hocker haben mich Qualität (Farbe, Schärfe, Klang und Volumen) wahrlich nicht gerissen. Verzeilich, sofern man 1 1/2 Augen zudrückt. Ansonsten... warten auf Godot.

4.6 Sterne 2.6 Sterne
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05.06.2007 / nd


DVD-Infos

DVD erschienen am 15.03.2007

  • Bildformat: 16:9 anamorph
  • Sprachen: Deutsch (Dolby Digital 2.0)
  • Untertitel: Englisch
  • Extras: Making Of (ca. 52 min), Filmografien, Biografien, Trailers