U-Carmen e-Khayelitsha (2005)
U-Carmen e-Khayelitsha (2005)
Oder: Carmen im Township
In Khayelitsha, einem der grössten Townships Südafrikas, arbeite Carmen (Pauline Malafane) in einer Zigarettenfabrik. Während der Mittagspause kokettiert sie mit ein paar Polizisten, die sich an den Arbeiterinnen ergötzen wollen. Carmen hat es aber nur auf einen abgesehen: Jongikhya (Andile Tshoni), da der sie am meisten ignoriert. Carmens Rose landet bei ihm im Pickup - ein Zeichen für ihre Zuneigung.
Als Carmen später einer anderen Frau das Gesicht zerschneidet, muss ausgerechnet Jongikhya sie im Polizeiauto abführen. Carmen bezirzt ihn aber, dass er ihre Handschellen löst und sie entwischen kann...
Kinofilm-Rating
Man kann sich streiten darüber, ob sich Opern auf der Kinoleinwand umsetzen lassen. U-Carmen e-Khayelitsha, der überraschende Gewinner des Internationalen Filmfestivals Berlin 2005, verdient sich seine Berechtigung, indem er die Handlung von Georges Bizets Carmen vom spanischen Sevilla in ein Township in Kapstadt verpflanzt. Die weltbekannten Melodien, die auch schon in der Spaghettisaucenwerbung geträllert wurden, bekommen vor diesem Hintergrund etwas von ihrer alten Frische zurück. Exotische Filme verlangen aber auch nach einer speziellen Vorbereitung. Hier deshalb vier Regeln zum besseren Genuss von U-Carmen e-Khayelitsha.
Du sollst Opern mögen!
Es werden Menschen singen. Ständig und dauernd. Der Gesang ist sind nicht wie beim artverwandten Musical eine einfache Unterbrechungen der Geschichte, so genannte "Show Stoppers", wo alles hüpft und tanzt während die Handlung still steht. Jede Strophe ist wichtig fürs Verständnis. Da ist nix mit schnell wegdösen, wenn einer im Regen singt, dass er jetzt im Regen singt.
Du sollst Xhosa schon mal gehört haben!
Mit stolz geschwellter Brust berichtet der Schweizer in den Ferien jeweils der staunenden Barbekanntschaft von der einheimischen Viersprachigkeit. Alles Pipifax! In Südafrika haben sie elf gleichberechtigte Landessprachen. Und mit Xhosa einen für europäische Ohren so struben Dialekt, da stirbt das Rätoromanische gleich selber aus. Bei den Schnalz- und Knacklauten, die in U-Carmen e-Khayelitsha zu hören sind, handelt es sich nämlich nicht um Kratzer auf der Tonspur: Die reden (und singen!) wirklich so.
Du sollst die Handlung von Carmen auswending kennen!
Diese Regel ist eine direkte Folge der beiden vorangehenden. Erstens verstehen bei uns die wenigstens was gesungen wird und zweitens ist alles, was gesungen wird auch immens wichtig. Zum Glück gibt es also Untertitel. Nur Schade, dass Lesen und Staunen nicht gleichzeitig funktioniert. Ich habe ab Carmens Flucht den Faden verloren und nach dem Film nicht verstanden, was die Schmugglerbande sollte. Die ganze Eifersucht, die sich da bilden sollte, verschliesst sich mir auch jetzt noch, obwohl ich mehrere Zusammenfassungen der Oper ergooglet habe. Dass die Schmuggler, und übrigens auch die Zigifabrik, schon im Original vorkamen, ist mir nun aber bewusst. Und der Matador im Original fährt hier Audi. Glaub ich zumindest...
Du sollst mitteleuropäische Schönheitsideale über Bord werfen!
Hier geht's in den Proportionen von Missy Elliot zur Sache. Die südafrikanische Carmen alias Pauline Malefane ist B I G! Und Big is Beautiful! Die Frauen (und Männer!) füllen die Leinwand zünftig. So geschwabelt hat die schwarze Frau im Kino nicht mehr seit Palindromes. Andererseits wären Opernsängerinnen mit Modelmassen nicht wirklich glaubwürdig, oder?
Wenn du diese vier Regeln beherzigst, wird dir U-Carmen e-Khayelitsha gefallen. Ist auch nur eine nicht in deinem Interesse, geht's dir wir mir. Am meisten hat der Fuss gewippt, als originalafrikanisch getrommelt wurde, wenn der Audi-Fahrer erstmals auftaucht.
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