Syriana (2005)

Syriana (2005)

Oder: Welcome to the Real World!

Syriana

Ja, ich hab noch eine Autogrammkarte

Der Kampf um das schwarze Gold, in Insiderkreisen auch Öl genannt, ist nicht erst seit gestern ein schwerer. Regierungen schalten sich ein, Bestechungen gehören zur Tagesordnung und sogar vor der Eliminierung der jeweiligen Konkurrenten schreckt man inzwischen nicht mehr zurück. Im aktuellen Fall bahnt sich eine grosse Fusion zweier Ölkonzerne an, welche die daraus entstehende Company zu einem "Global Player" machen würde. Dass diese Fusion überprüft werden will, vor allem von denjenigen, die beim Geschäft nicht auf ihre Kosten kommen, ist klar. Für diese Aufgabe wurde der Anwalt Bennett Holiday (Jeffrey Wright) ausgewählt, der sich auf den Weg macht, irgendetwas in den Archiven zu finden, dass darauf hinweist, dass dieser geplante Megadeal nicht lupenrein ist. Und auf diesem harten und steinigen Weg muss er merken, wie es ist, ein Spielball der Mächte zu sein.

Syriana

auch nach dem Spaghettiessen noch blitzblank

Gleichzeitig hat CIA-Agent Bob Barnes (George Clooney) das Problem, dass bei einem Waffendeal eine Rakete abhanden gekommen ist. Dafür muss er sich in der heimischen Zentrale verantworten und das gelingt ihm mehr schlecht als recht. Da der bärtige Mann ein ausgewiesener Spezialist für den nahen Osten ist, wird ihm ein Auftrag erteilt, in Beirut einen Ölprinzen namens Nasir (Alexander Siddig) zu eliminieren. Dieser Prinz steht kurz vor der Machtübernahmen seines kranken Vaters und hat revolutionäre Pläne für sein Land und sein Volk. Ausserdem hat er gerade den Amerikanern eine Ohrfeige erteilt, in dem er eine Pipeline lieber den Chinesen verkaufte. Das macht ihn, natürlich aus dem amerikanischen Blickwinkel, zu einem Staatsfeind, der dafür "bezahlen" soll.

Syriana

It wasn't me!

Bryan Woodman (Matt Damon) ist Finanzexperte einer Firma in Genf. Er schaltet sich in die abendlichen, im TV ausgestrahlten, Börsennews ein und lebt mit seiner Familie ein eigentlich glückliches Leben. Als er den Auftrag erhält, seiner Firma einen dicken Deal an Land zu ziehen, bewegt er sich in die Kreise der Superreichen. An einer Party der Scheiche passiert eine Tragödie mit seinem Sohn und trotzdem reist der Mann zum Ölprinzen, um ihm mit finanziellen Tipps zur Seite zu stehen. Ob die Tatsache, dass der Tod seines Sohnes dabei "geholfen" hat, sich diesen Job beim Prinzen zu sichern, ist durchaus möglich. Doch auch Bryan wird langsam klar, dass dieser sogenannte Anti-amerikanische Prinz nach keiner Pfeife tanzt und für sein Volk nur das Beste aus den Geschäften rausschlagen will. Dass die Amerikaner allerdings lieber dessen amerikafreundlichen Bruder an der Macht sehen würden, lässt Bryan aufhorchen und die Vorkommnisse aus einem anderen Blickwinkel sehen.

Syriana

Schatz, ich hab warm

Im Sog dieser genannten Fusion ergeben sich viele Menschen, die dadurch ihre Jobs verlieren. Menschen, die durch die Arbeit auf den Ölfeldern ihr Leben unterhalten können und nun auf der Strasse stehen. Unter ihnen auch ein junger Pakistani, der nach dessen Entlassung orientierungslos in der Welt steht und somit ein leichtes Opfer der radikalen Widerstandsbewegung des Landes wird. Denn eine kleine Splittergruppe hat sich einer amerikanischen Bombe bemächtigen können und will diese in einem heiligen Selbstmordattentat zünden. Und darauf werden die jungen Menschen mit allerlei Gebeten, Geschichten aus dem Koran und Überzeugungsarbeit der Führer vorbereitet.


Kinofilm-Rating

Schwere Kost, die uns Regisseur Stephen Gaghan mit Syriana vorsetzt. Parallel laufende Handlungen, auftauchende Personen, ein Namenwirrwarr und Abläufe, denen nur schwer zu folgen ist. Wer bei diesem Film auf dem Laufenden bleiben will, hat keine Chance an der Sitznachbarin rumzumachen oder zwischendurch mal auf die Uhr zu sehen. Der Film erfordert 100% Aufmerksamkeit und wer diese garantiert, dem wird eine verzwickte, aber extrem interessante Geschichte geboten, die, ähnlich dem Drogenfilm Traffic, auf diversen Handlungssträngen basiert, die alle irgendwie verknüpft sind und deren Zusammenführung mit der Dauer des Filmes immer klarer wird.

Das Thema "Öl" ist brandaktuell. Nicht umsonst hat man in den letzten Jahren einen im TV fast live übertragenen Krieg miterleben müssen, weil eine weltliche Grossmacht ihre Gier nach dem schwarzen Gold kaum bändigen konnte. Dass nun ein dem Thema recht kritisch eingestellter Film ausgerechnet aus Amerika kommt und sogar für zwei Academy Awards nominiert ist, verwundert doch ein bisschen. Man darf diesen Erfolg aber sicher auch als Zeichen werten, dass es auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten einen Umschwung der Meinung gegeben hat und viele Bürger sich durchaus mit der kritischen Ansicht von Syriana identifizieren können.

Der Film ist komplex. Und sogar wenn man beim Abspann noch ungläubig im Sessel sitzt und sich fragt, was genau denn jetzt in den letzten 120 Minuten passiert ist, darf man sich getrost an den Nachbarn wenden. Die Chance, dass dieser mehr begriffen hat, ist sicherlich vorhanden, aber keinesfalls als garantiert anzusehen. Somit ergeben sich herrliche Diskussionen auf dem Heimweg und sogar im jeweiligen Foyer des Lichtspieltheaters. Ein Fakt, der dem Film extrem gut tut und ihn von der Fastfood-Kategorie wohltuend abhebt. Auch interessant werden die Diskussionen, wenn man in diesen eine Stellung zum im Film behandelten Thema beziehen muss. Denn so einfach wie es auf den ersten Blick scheint, ist das nicht. Beide Seiten haben durchaus nachvollziehbare Gründe ihrer Handlungen, auch wenn diese teilweise radikal und menschenverachtend sind.

Syriana kommt neben einer geballten Informationsflut und einer anspruchsvollen Handlung auch mit einem gut ausgesuchten und bekannten Cast daher. Allen voran natürlich der bärtige und im Film physisch geforderte George Clooney, der beweist, dass er mehr kann als in Hochglanzfilmen wie Oceans Eleven sexy in die Kamera zu lächeln. Seine Nomination als "bester Nebendarsteller" ist mehr als verdient. Matt Damon ist das zweite sehr bekannte Gesicht und macht seine Sache ebenfalls befriedigend. Seine Rolle ist eher im Hintergrund angesiedelt, doch auch sein Charakter braucht erst einen gewaltigen Reality-Check, um dann den richtigen Schritt zu tun. Mir persönlich hat Alexander Siddig's Charakter des revolutionären Ölprinzen sehr gut gefallen. Herrliche Entwicklung eines Schauspielers, der vor nicht allzu langer Zeit noch auf der Raumstation Deep Space Nine als Spacedoktor seine Sporen abverdiente.

Fazit: Syriana ist knallhartes Realitätskino, das kaum einen Interessierten kalt lässt. Wer sich auf komplexe Handlungsstränge einlässt und sich für zwei Stunden konzentriert in ein Kino setzt, wird eine Geschichte vorgesetzt bekommen, die von A-Z spannend ist und die Machenschaften der Ölbranche, seien sie wahrheitsgemäss übernommen oder fiktional erfunden, in keinem besonders guten Licht dastehen lässt. Definitiv einer der intelligenteren und besseren Film aus Hollywoods Traumfabrik und man darf hoffen, dass künftig mehr solche interessante Themen verfilmt werden.

4.1 Sterne
4.1 Sterne (86 Bewertungen) | 14 Kommentare

5.55.5
24.02.2006 / muri