Sophie Scholl - Die letzten Tage (2005)
Sophie Scholl - Die letzten Tage (2005)
Oder: Als Flyern noch ein Risiko war...
Es ist 1943. Nachdem an der Ostfront in Stalingrad 230'000 deutsche Soldaten umkamen, formiert sich im Münchner Untergrund der Widerstand. Die beiden Studenten Sophie und Hans Scholl (Julia Jentsch und Fabian Hinrichs) produzieren mit Gleichgesinnten für ihre Organisation "Die Weisse Rose" Flugblätter, in denen sie das Ende des Krieges fordern, den Hitler nicht mehr gewinnnen, sondern nur noch verlängern kann. Nach dem Abpacken in Couverts bleiben etliche Flyer übrig. Der Entschluss wird gefasst, sie an der Uni zu verteilen. Unbemerkt sollen sie während den Vorlesungen in den leeren Gängen hinterlegt werden. Gegen den Willen ihres Bruders, beteiligt sich auch Sophie an der Aktion, bei der die Geschwister erwischt werden. Ein übereifriger Hauswart verpfeift sie bei der Gestapo. In der Folge werden die Scholls von Robert Mohr (Alexander Held) verhört. Wird er sie wegen Landesverrats und Begünstigung des Feindes bezichtigen können?
Kinofilm-Rating
Im deutschen Kino ist die braunstichige Vergangenheitsbewältigung in im Moment. Nach den letzten Tagen des Adolf H. dürfen wir nun im Kino die letzten Tage der Sophie S. miterleben. Wie beim "Untergang" gibt die Geschichtsforschung den Anstoss zu Sophie Scholl - Die letzten Tage. Die bisher unveröffentlichten Verhörprotokolle, die man in DDR-Archiven fand, bilden den grössten Teil der Dialoge. Auch dem Schauprozess, welcher den Mitgliedern der weissen Rose gemacht wurde, wird Platz eingeräumt.
Zwei Verhöre, die Mohr mit Scholl durchführte, und der Schauprozess vor dem Volkgerichtshof mit Roland Freisler (Fabian Hinrichs) als Vorsitzenden sind die Höhepunkte des Films. Im ersten Verhör versucht Mohr, Sophie etwas nachzuweisen. Geschickt redet sich Scholl aus allem raus. Man sitzt wie auf Nägeln. Die Beweislage drückt. Es piekst gewaltig am Zuschauerfüdli. Im zweiten Verhör ist die Schuldfrage geklärt und die Ideologien prallen aufeinander. Man staunt, wieviel die Weisse Rose voraussah und Mohr hätte ahnen können, wenn er nicht vom NS-Wahn geblendet gewesen wäre. Rückblickend ist man immer schlauer.
Zuvor kommt mit der beatlastigen Musik auch einmal ein kleines "Sophie rennt"-Feeling auf, aber in den Vehörszenen ist alles auf die beiden Schauspieler reduziert: Im dunklen Raum, nur die Gesichter der Schauspieler vor der Kamera, keine Musik. Der tobende Mohr. Die Angespanntheit von Scholl. Hohes Lob ist der Schauspieler Lohn. Gänsehaut gibt es gratis.
Der Prozess ist dann die reine Farce für jedermann mit ein bisschen Gerechtigkeitssinn. Der schreihalsige Richter Freisler, ein Minihitler, muss die Hölle gewesen sein für Sophie Scholl. Sie, das reine, rechtschaffene Gewissen - eine Heldin, auch wenn sie es wahrscheinlich selber nie zugegeben hätte, dass sie eine ist. Sie tut, was sie tun muss, was jeder hätte tun müssen, aber nur die wenigsten getan haben. Dabei hatte sie es doppelt schwer als Frau. Der Begriff "Girlpower" war noch nicht einmal erfunden und schon setzte sie die Standards, die danach selten wieder erreicht wurden. Julia Rentsch macht aus Sophie Scholl ein Popidol. Eines, dem nachzueifern sich gelohnt hätte. Scholl ist toll!
Auch in den stillen Momenten fällt Sophie Scholl - die letzen Tage nicht ab. Wenn Regisseur Marc Rothemund weg geht von der Chronik und Sophie in die Sonne blinzeln oder sich von ihren Eltern verabschieden lässt, liefert Jentsch immer noch eine brilliante Darstellung. Sie verkörpert das Gute, wie keine andere. Vor allem wegen der jungen Berliner Schauspielerin und der Schlichtheit der Inszenierung wirkt der Film lange nach.
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