The Secret Life of Words (2005)
Die geheime Welt der Worte
The Secret Life of Words (2005) Die geheime Welt der Worte
Oder: Bevor die Welle bricht
Die hörbehinderte Hannah (Sarah Polley) ist 30 Jahre alt, arbeitet seit Jahren ohne sich je krank gemeldet zu haben in einer Folienfabrik und isst jeden Tag in der Kantine ihr mitgebrachtes Mittagessen bestehend aus etwas Reis, Poulet und einem halben Apfel. Hannah lebt nicht nur alleine, sie zieht sich richtiggehend von der Aussenwelt zurück.
Ihre Arbeitskollegen mögen Hannahs gewissenhafte Arbeitsmoral nicht mehr leiden und ihr Chef weiss sich nicht anders zu helfen, als Hannah ein paar Wochen Ferien ans Herz zu legen: Prospekte von fernen Trauminseln, mit Sandstrand, Palmen und Aqua-Aerobic hat er genügend in seiner Schublade... Hannah jedoch steigt nicht etwa in den nächsten Flieger nach Hawaii, sondern nimmt spontan einen Job als Krankenschwester auf einer Bohrinsel an.
Auf hoher See begegnet sie ihrem Patienten Josef (Tim Robbins), der sich bei einem Unfall schwere Verbrennungen zugezogen hat und vorübergehend nichts mehr sehen kann. Hannah und Josef kommen sich - so verschieden sie sind - mit der Zeit näher und lassen den anderen an den gemachten Erfahrungen des anderen teilhaben.
Kinofilm-Rating
Die spanische Regisseurin und Drehbuchautorin Isabel Coixet, die bereits 2003 mit der talentierten Schauspielerin Sarah Polley im Drama My Life Without Me zusammengearbeitet hatte, wählte für La vida secreta de las palabras (2005) wiederum die grossäugige Kanadierin als Hauptdarstellerin aus. Zur Seite wurde ihr mit Tim Robbins ein erfahrener Hollywood Schauspieler (Mystic River (2003), The Shawshank Redemption (1994)) gestellt. Eine Kombination, die dank der ungleichen Gleichheit der Rollen und deren Charaktere sehr gut funktioniert, ja sich geradezu ergänzt und vervollständigt.
Hannas Geschichte beginnt sehr steril. Der Alltag der Hauptfigur ist gefüllt mit sich wiederholenden Dingen: Fliessbandarbeit, mittags und abends stets die gleiche Mahlzeit, kein Kontakt mit anderen, das Hörgerät (Hanna ist schwerhörig) ein und wieder aus. Als sich Hanna gegen Ende des Films zu öffnen beginnt, wird einem erleichternd klar, warum sie ihr Leben in den ersten Szenen nur an ihrer Arbeit, der Pflichterfüllung orientiert und damit einem apathisch-verschlossenen Wesen ähnelt.
Die Entwicklung der Figur Hanna berührt sehr. Diejenige von Josef ebenso. Dies ist einerseits der Story und den behandelten, ziemlich happigen Themen zu verdanken. Andererseits sind die übrigen Rollen - die der Bohrinsel-Crew inklusive Gans - mit ebenfalls sehr glaubwürdigen Schauspielern besetzt, so dass dank der verschiedenen Charaktere, die zu spielen sind, die thematisch schweren Handlungen durch jene durchbrochen und aufgelockert werden. Ob der Film ein Happy End aufweist oder Hanna ihre Schritte nach vorn zurücktritt, sei hier nicht verraten. Soviel nur: an Dramatik fehlt es diesem Movie nicht...
Ferner machen einen die vielen Symbole, die Isabel Coixet in ihrem Werk einsetzt - zum Beispiel die der Bohrinsel und der Gans - nachdenklich. Ab und an rufen sie Erinnerungen, wenn auch etwas entfernt, an gymnasiale Zeiten wach, als Interpretationen grosser literarischer Werke (Faust, Narziss und Goldmund etc.) an der Tagesordnung standen. In The Secret Life of Words sprudelt es nur so von Symbolik, beinah jede Szene beinhaltet eine solche, wenn nicht mehrere. Womit einer durchaus spannenden, tiefgründigen Diskussion zum Film nichts im Wege steht. (Oder aber die potenziellen Teilnehmer halten von Interpretationen allgemein nicht viel und bleiben stumm...)
Zu guter Letzt bleibt noch zu erwähnen, dass der Film Inge Genefke gewidmet ist, die sich für RCT/Rehabilitation and Research Centre for Torture Victims (Dänkemark) und IRCT/International Rehabilitation Center for Torture Victims, beides Zentren zur Hilfe für Folteropfer, einsetzte. Warum diese Widmung an Inge Genefke von Isabel Coixet vorgenommen wurde, begründet sich mit der erwähnten Entwicklung von Hanna.
Fazit: Ein sehr empfehlenswerter Film für all diejenigen, die symbolbeladene Werke mit Talentschauspielern mögen und sich gerne mit wichtigen vergangenen und aktuellen Themen beschäftigen. Beeindruckend, nachdenklich stimmend und diskussionsfördernd.
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