Saint-Jacques... La Mecque (2005)

Saint Jacques - Pilgern auf Französisch

Saint-Jacques... La Mecque (2005) Saint Jacques - Pilgern auf Französisch

Oder: Streithähne als Wandervögel

Saint-Jacques... La Mecque

Hey Zwerge, hey Zwerge, hey Zwerge ho!

Die Lebensläufe der drei Geschwister Clara, Claude und Pierre haben sich im gegenseitigen Einvernehmen auseinanderdividiert. Man kann sich schlicht nicht ausstehen. Bis die Mutter stirbt und der Erbschaftsverwalter den dreien eröffnet, dass die Kohle nur dann rechtmässig dem Nachwuchs übergeben werden kann, wenn sie sich gemeinsam auf den Jakobsweg machen und zu Fuss nach Santiago de Compostela pilgern. Wohl oder übel schnüren die griesgrämige, atheistische Lehrerin (Muriel Robin) und der hypochondrische Chef einer Staubsaugerfabrik (Artus de Penguern) ihren Rucksack. Nur der "subsidierte Säufer" und chronisch blanke Langzeitarbeitslose (Jean-Pierre Darroussin) versteht nicht ganz, auf welchen Trip er sich da begibt, und steht so ohne Proviant und ordentliches Schuhwerk am ausgemachten Treffpunkt.

Unter der Leitung des schwarzen Führers Guys sind noch andere Pilger am Start. Trotz des durch und durch christlichen Wallfahrtsortes auch zwei Araber. Ramzi ein Analphabet, dem sein Cousin Saïd weiss gemacht hat, dass die Reise nach Mekka ginge, damit letzterer seinen Schulschatz begleiten kann. Die Herzensdame wiederum hat die Reise mit ihrer Kollegin angetreten, weil sie ihnen geschenkt wurde. Nur Mathilda sucht nach einer Chemotherapie wirklich wieder Sinn im Leben auf der Wochen dauernden Wanderung.


Kinofilm-Rating

Coline Serreaus Film überrascht. Weder Poster, noch Titel noch die diversen Vorschauen im Netz machen gross Lust auf den Film. Umso mehr amüsiert man sich im Kino. Aber der Reihe nach.

Es fängt beim Titel an, den man zuerst einmal durchschauen muss. Mit "Saint Jacques" ist Santiago de Compostela gemeint, der Pilgerort im Norden Spaniens, der einem eigentlich komplett egal sein könnte, wenn er nicht sporadisch in ziemlich guten Filmen auftauchen würde. Der letzte war One Day in Europe von Hannes Stöhr. "La Mecque" hingegen hat ausser der phonetischen Ähnlichkeit nichts mit "le mec" zu tun, dem französischen Pendant zum englischen "guy", sondern beschreibt Mekka, eine etwas weiter entfernte Pilgerdestination einer anderen Weltreligion, die aber trotzdem bekannter ist als Santiago. Zusammen genommen wird der Filmtitel zu einem Irrtum, dem der einzig wirklich religiöse Mensch im Film erlegen ist. Ahmed - eher Kind als Mann - meint, er befinde sich auf dem Weg nach Saudi-Arabien, weil ihm sein gut meinender Bruder genau dies vorgaukelt. Aus ziemlich weltlichen Gründen notabene.

Denn Saint Jacques... Le Mecque ist kein Film über Religionen, wenn dann nur am Rande. So sind die restlichen acht Pilger denn auch eher keifende Streithähne als religiöse Wandervögel. Und da es sich in keiner Sprache besser streiten lässt als in der von Molière, wird diese Tour d'Europe zum Vergnügen. Ob sie direkt in die Kamera fluchen, oder sich die Schimpfwörter gegenseitig an den Kopf werfen, man schaut Muriel Robin und Artus de Penguern gerne dabei zu, und vergisst darob gleich selber die wunderschönen Landschaften zu bestaunen, die ein weiteres Plus des Films darstellen. Das passiert aber auch den Protagonisten...

Dass man sich wegen einer Erbschaft zusammen raufen muss, ist sicher nicht der allerneuste Funke, der einen Handlungsmotor zum laufen bringen kann. Auch schafft es Serreau nicht, bis zum Ende Interesse zu generieren und behilft sich teilweise mit einer schnell geschnittenen Montagen, um zum etwas gar lieblich geratenen Happy-End zu kommen. Davor amüsiert man sich aber köstlich im Kleinen und kriegt im Grossen auch noch allegorisch etwas mit über die Welt, in der wir leben. Das hätte man von einem Film mit seltsamen Titel und langweiligem Poster nicht erwartet. Im Welschland, war er bereits ein Hit. Bei uns wäre es ihm auch zu gönnen.

4.7 Sterne
4.7 Sterne (26 Bewertungen) | 2 Kommentare

4.54.5
10.11.2006 / rm