Paradise Now (2005)
Paradise Now (2005)
Oder: Apocalypse Right After
Nablus liegt im Westjordanland. Von der israelischen Armee umzingelt ist der Ort nur Fuss erreichbar. Die Grenzkontrollen sind rigide. Hochgehende Bomben gehören zum Alltag. Die Stadt im palästinensischen Autonomiegebiet ist die Heimat von Saïd (Kais Nashef) und Khaled (Ali Suliman). Die beiden Araber sind Anfang zwanzig, haben einen Job als Automech und verbringen ihre Freizeit in den Hügeln um die Stadt wo sie Nargilah rauchen. (So heisst die Schischa in Israel anscheinend.)
Das easy Rumhängen ist vorbei, als sie von einer Guerillaorganisation für ein Selbstmordattentat auserwählt werden. Eine letzte Nacht verbringen sie noch bei ihren Familien. Saïd nimmt Abschied von seiner attraktiven Bekanntschaft Suha (Lubna Azabal), die soeben aus Marokko nach Nablus zurückgekehrt ist, und vielleicht deshalb auf bessere Zeiten hofft. Dann spulen Saïd und Khaled die Rituale ab. Bekennervideo. Bart weg. Haare ab. Letzte Waschung. Letztes Abendmahl. Bombe um den Bauch.
Gekleidet wie für eine Hochzeitsfeier, das wäre die Ausrede falls jemand danach fragen würde, sollen sie nach Tel Aviv. Doch am Grenzzaun werden sie von der Armee überrascht und getrennt. Jetzt ist jeder auf sich alleine gestellt.
Kinofilm-Rating
Seit dreissig Jahren existiert der israelisch-palästinensische Konflikt. Wenn etwas so lange andauert, macht sich Gleichgültigkeit bemerkbar. Nicht nur im Westen, wo sich die Bilder von zerstörten Bussen und Ambulanzen in den Fernsehnachrichten wiederholen, auch im Kriegsgebiet selber. In Nablus ist Töten alltägliches Geschäft. Das zeigt Paradise Now. Bekenntnisreden von Attentätern sind dort die Renner in den Videotheken. Als er fürs Selbstmordkommando rekrutiert wird, sagt Kahled nur: "Ich habe lieber das Paradies im Kopf, als die Hölle auf Erden".
Unter solch mörderischen Umständen einen Film an den Originalschauplätzen zu drehen ist nicht einfach. Der palästinensische Regisseur Hany Abu-Assad arbeitete mit einer ziemlich grossen Crew und bezeichnet es im Nachhinein als "kranke Idee". Unterbrüche waren beim Dreh an der Tagesordnung. Das Endergebnis sind nüchterne Bilder im Widescreen-Format. Ein radikal zurückgenommener Film, der nicht einmal zum Abspann Musik liefert. Im Kopf bleiben nur die absurdesten Bilder hängen. Zweimal funktioniert die Videokamera nicht bei der Aufnahme des Märtyrervideos und es wird trotzdem weiter Pitabrot gemampft. Wenn die Attentäter ein letztes Mal zusammensitzen zitiert man Da Vincis "Abendmahl". Das Dilemma, mit einer Bombe um den Bauch auf die Toilette zu müssen, wird ausführlich gezeigt.
Explizit Stellung für eine der Parteien im Nahostkonflikt nimmt Paradise Now aber nicht. Auch wenn am Schluss das moderne Tel Aviv stark mit dem wüsten Nablus kontrastiert. Vielleicht gewann der Film deshalb den Publikumspreis der Berlinale 2005. Von erstem Mal Sehen bis zum Schreiben dieser Review verging bei mir genau ein Monat. Viele Handlungsstränge gingen dabei schon wieder vergessen. Das zeigt, auch ein guter Film kann die lethargische Gleichgültigkeit über einen jahrzehntelang schwellenden Konflikt nicht wettmachen.
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4.5 Sterne (16 Bewertungen) | 5 Kommentare



