Munich (2005)
München
Munich (2005) München
Oder: Mossad's Five
Mord statt Sport übertragen die Fernsehsender 1972 von den olympischen Sommerspielen aus München. Die palästinensische Gruppierung "Black September" hat im olympischen Dorf eine israelische Delegation in ihre Gewalt genommen. Die eigentlichen Wettkämpfe werden unterbrochen. Der Kampf um das Leben der Geiseln beginnt - und misslingt. "They're all gone" lässt der US-Sportkommentator nach der gescheiterten Rettungsaktion auf dem Flugfeld von Fürstenfeldbruck die geschockte Weltöffentlichkeit wissen.
Auch Avner (Eric Bana), ein Bürogummi des israelischen Geheimdienstes Mossad, schaut auf dem Sofa neben seiner hochschwangeren Frau Daphna (Ayelet Zurer) sitzend, entsetzt auf die Ereignisse in der bayrischen Metropole. Noch ahnt er nicht, dass er von der israelischen Premierministerin Golda Meir (Lynn Cohen) persönlich als Leader einer streng geheimen Geschwaders bestimmt wird, das Rache nehmen soll an den Drahtziehern der olympischen Tragödie.
Doch bald schon instruiert ihn der Mossad-Mittelsmann Ephraim (Geoffrey Rush) über seine zukünftigen Aufgaben. Avner hört offiziell auf zu existieren, bezieht Geld von einem Schweizer Konto und fasst den Auftrag, die elf verdächtigen Haupttäter in Westeuropa zu liquidieren. Ihm zur Seite stehen Steve (Daniel Craig) als Fahrer, der Dokumentenfälscher Hans (Hanns Zischler), der junge Bombenbastler Robert (Mathieu Kassovitz) und Carl (Ciarán Hinds), der die Spuren beseitigen soll.
Die scheinbar zufällig zusammen gewürfelte Truppe bringt den ersten Mord erfolgreich hinter sich, doch dann häufen sich die Pannen, es wird immer schwieriger, an die richtigen Informanten heranzukommen und Avner bekommt auch erstmals Gewissensbisse, ob er überhaupt das Richtige tut...
Kinofilm-Rating
Egal, ob man 1974 schon auf der Welt war oder nicht, spätestens seit Arthur Cohns Oscar gekrönter Doku One Day in September kennt man die Bilder der Zipfelmützen-Terroristen auf dem Balkon und die derer Opfer in den Jogginganzügen mit den drei Streifen. Steven Spielberg schildert in seinem Film Munich Israels Reaktion auf den Terrorakt an der Olympiade, und stützt sich dabei auf das Buch Vengeance von George Jonas, das auch schon höchst umstritten war. Im Vorfeld gab es denn auch einige Kontroversen um den Film. Doch wenn es um eine Geschichte aus dem sowieso sehr verschwiegenen Milieu der Geheimdienste geht und sich dabei jahrelange Todfeinde gegenüber stehen, kann es nicht weiter verwundern, dass man es nicht allen recht machen kann.
Bleiben wir deshalb bei dem, was sich uns auf der Leinwand anbietet. In erster Linie ist Munich ein routiniert inszenierter Agententhriller mit einem guten Eric Bana als interessante Titelfigur. Malta und Ungarn dienten Spielberg als Kulisse für allerlei Länder, in denen authentisch geschnüffelt und gemeuchelt und auch im lokalen Idiom geflucht wird. Hervorragende Schauspieler füllen so viele Sprechrollen wie noch nie bei Spielberg. Da bleiben für Leute wie Moritz Bleibtreu und Valeria Bruni-Tedeschi nur noch Minirollen, die sie aber noch so gerne annehmen. Mathieu Kassovitz soll sogar von seinem Vorhaben, nie mehr zu schauspielern, abgebracht worden sein, als der Anruf von Señor Spielbergo kam.
Ganz frei von typische Spielbergereien, wie Kinder als Mittel zur Suspense oder der auffallend vaterlose Avner, der wiederum sein Kind bei der Geburt auch zuerst im Stich lassen muss, ist der Film freilich nicht. Doch mit Munich will Spielberg auch eine Parabel zeigen, welche direkt die heutige Zeit kommentiert. Es ist sicher kein Zufall, dass der Film mit einer Einstellung auf die Twin Towers endet. Golda Meir beschwört zu Beginn, dass jede Zivilisation manchmal ihre ureigenen Werte Kompromissen aussetzen muss. Spielberg zeigt Israel in den Siebzigern und meint die USA von heute. Avner wird sich vor allem deshalb unschlüssig über seine tun, weil er merkt, dass für jeden Terroristen, den er um die Ecke bringt, gleich wieder zehn weitere neu am Start sind. Gewalt, so merkt er, wird immer Gegengewalt erzeugen.
Trotzdem hat ein jeder ein Recht auf eine Heimat. Das zweite wichtige Thema des Films, das immer wieder angesprochen wird. Avner trifft den Palästinenser, der eben keinen Ort hat, den er Heimat nennen kann. Avners Mutter forderte als israelische Siedlerin der ersten Stunde, ihr Anrecht auf ein Zuhause. Und Avner selber schaut sich im Film immer wieder Kücheneinrichtungen in Schaufenstern an, als die Idealvorstellung seines idyllischen Heims, das er sich für sich und seine Frau in einer friedlichen Zukunft wünscht. Alle drei Vorstellungen von Heimat können auch mit Gewalt erreicht werden. Munich stellt die quälende Frage, bis zu welchem Zeitpunkt die Gewalt aber noch legitim ist. Bei allem Ernst und der politischen Brisanz in Spielbergs neuestem Werk, oft sieht man einfach auch nur wunderschöne Menschen, denen die hautengen Seventies-Hemden nie zu eng werden, auch wenn sie immer vor üppig gedeckten Tischen ihre nächsten Opfer bestimmen. In diesen Momenten erinnert der Film teilweise auch an Ocean's Eleven.
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4.7 Sterne (106 Bewertungen) | 44 Kommentare



