Der Mann von der Botschaft (2005)

Der Mann von der Botschaft (2005)

Oder: Das Mädchen von der Strasse

Der Mann von der Botschaft

Georgischer Adventskalender

Botschafter müsste man sein: Diplomatenempfänge. Luxuslimousinen. Das Büro immer an bester Lage. Nicht ganz so glamourös ist das Leben der Ambassadoren in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Dort hat's zwar auch einen Pool im Garten vor der Botschaft, aber die Dienstwagen sind ein bisschen breiter bereift wegen den holperigen Strassen und bei offiziellen Anlässen wird eher Wodka gekippt als Weisswein kredenzt.

Dort ist auch Herr Neumann (Burghart Klaussner) stationiert. Auf der nicht ganz obersten Stufe diplomatischen Hierarchie bearbeitet er schlafwandlerisch seine Dossiers und trifft windige Business-Georgier. Er ist sehr einsam und findet abends Entspannung bei einem Adventure-Game, dass er sich per Beamer an die Wand projiziert. Georgisch kann er nicht, deshalb ist sein einziger Kontakt ausserhalb des Botschaftszauns eine Deutsch sprechende Sekretärin, mit der er ab und zu auch schläft.

Der Mann von der Botschaft

Damit beginnt's.

Bis er eines Tages auf dem Gemüsemarkt von einem Strassendkind (Lika Martinova) bestohlen wird. Er schnappt es gerade noch, bevor es mit seiner Brieftasche in der Menge verschwindet, und liefert es Ordnungskräften aus. Als er es kurz später schon wieder davon rennen sieht, lässt er es ins seinen Wagen einsteigen und hilft ihm bei der Flucht. Es wird der Anfang einer zaghaften Annäherung der Beiden irgendwo zwischen Beschützerinstinkt und Spieltrieb.


Kinofilm-Rating

Ein lebensmüder Mann "aus dem Osten", der durch die Anwesenheit eine Kindes die Kurve wieder kriegt? Da bimmelt's in den Hirnwindungen, wo der tschechische Oscargewinner Kolya gespeichert ist. Der Mann von der Botschaft ist nicht nur anders, weil er ein bisschen weiter östlich, nämlich im Kaukasusstaat Georgien spielt. Vielmehr erinnert der Film in seiner nüchtern-detailierten Beschreibung des Botschaftsalltags zu Beginn an die argentinische Leibwächterstudie El Custodio. Auch ist das Kind, das hier Ssahka heisst, ist kein Wonneproppen wie Kolya einer war, sondern eher geheimnisvoll. So war mir zum Beispiel lange gar nicht klar, dass es sich um ein Mädchen handelt. Ihr "Job", die langen Haare, das riesige Shirt - das alles sprach eigentlich für einen Jungen. Deshalb funktionieren die Pädophiliewarnlämpchen, die nicht nur beim Zuschauer zu blinken beginnen, sondern bei allen Figuren im Film, welche von dem ungleichen Paar hören oder es treffen, auch nur bis Sashka definitiv als Mädchen zu erkennen ist. Dass der Diplomat nicht an Sex mit Minderjährigen interessiert ist, weiss der Zuschauer, weil ihm das vorher klar gemacht wurde, als Neumann sich einem entsprechenden "Bestechungsgeschenk" einheimischer Geschäftsleute verweigert hat.

Innerhalb des diesjährigen Wettbewerbs des Festivals von Locarno nimmt man den Film vom Georgier Dito Tsintsadze, der auch in Deutschland arbeitet, gerne auf. Obwohl wir nur fragmentarisch über den Hintergrund von Neumann und Sashka informiert werden, bietet der Film mit dem "odd couple" etwas, das sich zu beobachten lohnt. Ja es darf sogar gelacht werden, wenn die korrupten Polizisten auftauchen und mit einer Stimme wie Brando in The Godfather Schutzgeld fordern. Burghart Klaussner und Lika Martinova machen ihre Sache gut, und über das ferne Georgien erfährt man nebenbei auch noch ein bisschen was. Die vielen Ventilatoren lassen auf einen hitzigen Sommer schliessen. Und dass die georgische Bevölkerung schrumpft, verwundert beim alltäglichen Gerangel vor der deutschen Botschaft in Tiflis auch nicht mehr.

4.3 Sterne
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09.08.2006 / rm