King Kong (2005)

King Kong (2005)

Oder: Monsters belong in B-Movies

King Kong

Hausieren verboten!

Im Jahre 1933 ist New York City von der Weltwirtschaftskrise gezeichnet. Im Central Park steht eine "Hooverville", die Hüttensiedlung der ganz Armen. Weil die Menschen wenig Geld haben, leben auch die Vaudeville-Künstler nur mit dem Existenzminimum. Ihre Kunstform, das Varieté, ist zusätzlich bedroht durch die immer beliebteren Tonfilme. Auch Ann Darrow (Naomi Watts) steht auf der Strasse, nachdem ihr Theater über Nacht geschlossen wurde. Sie hofft noch immer auf eine Rolle in einem Stück von Jack Driscoll (Adrien Brody). Doch statt dem Broadway wird ihr die Prostitution nahe gelegt: Schöne Mädchen wie sie müssten nicht hungern in New York.

Carl Denham (Jack Black) hat auch finanzielle Sorgen. Der Regisseur hat im Filmgeschäft bereits Fuss gefasst. Seine "Safari Filme" sind leidig erfolgreich, auch wenn die zynischen Produzenten weniger vorhandenes Talent als die entblössten Brüste der Ureinwohnerinnen in diesen Filmen als Garant für Publikumsinteresse sehen. Geld für sein nächstes Projekt soll dennoch nicht gesprochen werden. Fluchtartig verlässt Denham deshalb mit Sekretär Preston (Collin Hanks) das gerade laufende Meeting, um seinen Film auf eigene Faust zu retten.

King Kong

Ich hab gesagt, mein Bruder sei viel stärker als Du.

Ein Schiff, die S.S. Venture, steht bereits im Hafen für die Fahrt zur Location in der Südsee. Es fehlen nur noch ein komplettes Drehbuch und die Hauptdarstellerin. Die passende Kleidergrösse macht Ann Darrow, die von Denham zufällig beim Äpfel klauen beobachtet wird, zu seiner Leading Lady. Die Blondine willigt ein, in der Annahme mit ihrem Lieblingsautor Driscoll zusammen arbeiten zu können. Driscoll wiederum wird von Denham hinterlistig auf dem schon den Anker lichtenden Schiff zurückgehalten, obwohl er wenig Lust verspürt, mehr als die bereits verfassten fünfzehn Seiten Script abzuliefern. So ist die bunt gemischte Filmproduktion, zu der auch noch der schmierige Hauptdarsteller Bruce Baxter (Kyle Chandler) gehört, schon bald mit voller Kraft voraus auf dem Weg in die unbekannten Gewässer um Skull Island. Dort erwartet sie aber nicht nur schlechtes Wetter und blutrünstige Inselbewohner sondern auch noch allerlei Getier: von libellenartigen Insekten über Saurier bis zu einem überdimensional grossen Menschenaffen mit einer Schwäche für weisse Frauen...


Kinofilm-Rating

Im Abspann widmet Peter Jackson sein neuestes Epos den ursprünglichen Abenteurern auf Skull Island. Dem Tricktechniker Willis O'Brien, den Produzenten und Nebendarstellern Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack, der unvergessenen Scream Queen Fay Wray und wie sie alle hiessen, die in den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts den ersten King Kong zum Leben erweckten. Jackson sah King Kong als 9-Jähriger und drei Jahre später stellte er die bahn brechende Stop-Motion-Technik schon nach mit seiner eigenen Super 8-Kamera. Sein Berufsziel war gegeben: Filmemacher.

Den Bubentraum eines richtigen Remakes zum Film wollte Jackson sich schon 1996 verwirklichen. Geld dafür wollte ihm damals aber niemand geben. Nach dem Oscarsegen für seine Lord of the Rings-Trilogie hätte er nun wohl auch für Police Academy 9 grünes Licht bekommen. "Defeat is momentary", ruft Denham, der mit Hollywood so wenig zu tun haben will wie Jackson selber, in einem der vielen druckreifen Einzeiler im Film. Selbiges dachte der Neuseeländer wohl damals auch. Niederlagen dauern nicht ewig. Ebensowenig kann die Perfektion aber konstant sein. Denn King Kong ist zwar immer mal wieder so grossartiges Kino wie Herr der Ringe es war, hat aber auch kleinere Schwächen. Der grosse Teil davon passiert, bevor man den Affen zu sehen bekommt.

Der Film dauert drei Stunden. Eine gute Stunde vergeht, bis man endlich auf Skull Island ankommt, nochmals ein paar Minuten länger dauert es bis zum ersten sichtbaren Auftreten von Kong. Während dieser gorillalosen Zeit wird viel verplempert mit dem Verweilen auf der pedantisch korrekten Ausstattung, welches das New York der dreissiger Jahre aufleben lässt - inklusive eines Songs von Al Jolson - und der Einführung der Figuren, die nicht alle wirklich wichtig sind.

Das gilt nicht für Jack Black, der alle Bedenken in den Wind schlägt, ein Clown sei der falsche Mann für diesen Film. Black spielte auch schon ernst, in Dead Man Walking zum Beispiel, aber eine Hauptrolle als seriöser Mensch gab ihm Jackson zum ersten Mal. Das Manische, das den umtriebigen Denham umgiebt, bekommt Black sehr gut hin. Auch Naomi Watts' Ann musste sorgfältiger eingeführt werden. Ihre Profession und Lebensumstände sind wichtig für ihre Interaktionen mit Kong im späteren Verlauf. Ansonsten gilt für sie Kreischen und tragisch berührt sein. Das schafft die verletzlich wirkende, aber trotz unmenschlicher Strapazen nicht einen Knochenbruch davon tragende Watts spielend. Adrien Brodys Driscoll wandelt sich vom verliebten Geck zum Action-Hero. Trotz langwierigem Aufbau seiner Faszination für Ann ist aber Kongs Zuneigung zu ihr dennoch glaubhafter. Als komödiantische Elemente vertretbar sind Chandler als der eitle Filmstar und vor allem Andy Serkis, der neben der Mimik für den Affenmenschen auch noch eine zweite Rolle als Schiffskoch Lumpy bekam.

Womit wir bei der Crew der Venture angelangt sind. Als Kapitän Englehorn erinnert der Deutsche Thomas Kretschmann ständig an Jürgen Prochnow in Das Boot, was wohl an Akzent und Mütze liegt. Er ist gleich mehrmals das Ass im Ärmel, das die Helden rettet - fast seine einzige Funktion. Der Subplot, der aber nie in die Gänge kommt, ist die Vater-Sohn-Beziehung des Schwarzen Hayes (Evan Parke) mit dem Bübchen Jimmy (Jamie Bell). Gerade der Billy Elliot-Darsteller hätte wohl so etwas wie das Auge des Zuschauers übernehmen sollen. Dafür ist es aber viel zu plump, dass er "Heart of Darkness" liest, obwohl doch Jackson anlässlich der Premiere in Berlin eben nicht wollte, dass man allzu viel Kolonial-Historisches in die Geschichte hineininterpretiert. Vor allem wegen Hayes und Jimmy dauert die Überfahrt überlang, und endlich in Skull Island angekommen, folgt dann zuerst noch die Episode mit den Ureinwohnern. Dort übertreibt es Jackson mit seinem Markenzeichen, der gerüttelten Zeitlupe, dass einem die Stelle ewig vorkommt. Das Nestlé-Schoggi Product Placement hätte Jackson sicher eleganter lösen können. Die Gesichter der Nahrungsmittelhersteller hätte man aber gerne gesehen, als sie sahen, mit was für Ekelgestalten ihr Produkt da in Verbindung gebracht wurde. Denn die Ureinwohner und anderes Geviech auf der Insel - vor allem in der im Original verschollenen Spider Pit-Sequenz - zeigt auch, dass Peter Jackson seine Splatter-Herkunft auch heute noch nicht verleugnet.

Technisch ist die CGI auf hoch stehendem Niveau. Bis auf die strauchelnde Brontosaurierhorde, wo nicht ganz klar wird, ob das etwas holperige Interagieren von Mensch und Dino per Blue Screen nun Hommage an den Charme des Originals darstellt oder die Inkompetenz der WETA-Trickser entblösst. Wohl eher ersteres. Denn was sie mit dem Titel gebenden Charakter erreicht haben, lässt sich in drei Worten ausdrücken: King Kong lebt! Er gähnt und murrt und trötzelt und grollt. Sein krummes Gebiss, der geschundene Körper, die Melancholie in den Augen lassen eine Kinoikone in neuem Licht erscheinen. Weg vom Image des geilen Grobians zu einem gutmütigen Senioren, der auf seine Art galant ist. Er scheint mal weniger einsam gewesen zu sein. Sterbliche Überreste seiner Artgenossen lassen auf frühere, vielleicht freudvollere Zeiten schliessen. Heute ist er froh, um ein bisschen Entertainment, das ihm Ann bieten kann - und zwar keusches Entertainment à la Charlie Chaplin.

Revanchieren kann er sich als Bodyguard im Kampf gegen Tyranosaurier. Gleich mit Dreien nimmt er es auf im 20-minütigen Gefecht, dem Meisterbeispiel für die Steigerungsfähigkeit einer kinematographischen Bedrohung und gleichzeitig die Schlüsselszene, in der Ann sich in den schützenden Schoss von Kong begibt. King Kahn! Kong Fu! Killer Kong! Und Naomi Watts immer mittendrin statt nur dabei. Dieser Fight ist ein Instant-Klassiker des Abenteuerkinos. Aufregender geht nicht. So spannend, dass man auch die "King Kong on Ice"-Kitsch-Kapriole im Central Park verzeihen kann, auch wenn diese definitiv zu viel Jö-Effekt für einen acht Meter-Gorilla enthält.

Fazit: Als zum Staunen anregendes Monsterkino wird King Kong auch in der 2005 Version in Erinnerung bleiben. Deshalb hat sich Peter Jackson auch seinen Bubentraum erfüllt, und dabei alles richtig gemacht, auch dass der Film in derselben Zeit spielt wie das Original. Oder kann sich jemand vorstellen, wie Kong von Fernlenkwaffen vom Hochhaus gebölzt wird? Wenn's menscheln soll, verliert sich Peter Jackson leider in zu vielen unspannenden Nebenfiguren. Da setzten seine Vorbilder auf die Würze in der Kürze und bleiben deshalb diejenigen mit der OutNow.CH-Maximalnote. B-Movie-Plot und drei Stunden Laufdauer vertragen sich nicht. Wie bei der Ring-Saga könnte uns aber auch bei King Kong eine noch längere Fassung auf DVD erwarten. Peter Jackson hat es doch tatsächlich geschafft, nicht alle Szenen aus dem Trailer in den fertigen Dreistünder zu bauen. Wo blieb "Scream for your Life!"? Und auf die River-Rafting Szene darf man ebenso gespannt sein...

4.6 Sterne
4.6 Sterne (212 Bewertungen) | 131 Kommentare

55
10.12.2005 / rm