Gabrielle (2005)
Gabrielle - Liebe meines Lebens
Gabrielle (2005) Gabrielle - Liebe meines Lebens
Oder: Je t'aime... moi non plus.
Im Paris des 1912 bewohnt ein vermögendes Ehepaar ein prächtiges Stadthaus. Der Ehemann Jean (Pascal Greggory) ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Die Ehefrau Gabrielle (Isabelle Huppert) ist schön, intelligent und stammt aus gutem Hause. Ihre allwöchtenlichen Gesellschaftsabende am Donnerstag sind ungemein beliebt.
Dem an einem Abend heimgekehrten Jean erweckt ein auf einer Kommode hinterlegter Brief Misstrauen. Gefasst liest er den Brief, zermürbt lässt er sein Cognacglas fallen; er verletzt sich an den Glasscherben. Seine Frau verliess ihn.
Nach ein paar Stunden jedoch kehrt Gabrielle zurück, sie wagt die Liebschaft nicht. Der Betrogene ist umso mehr bestürzt, verlangt eine Erklärung. Der Andere erwecke die in Ihr schlummernde Leidenschaft, lasse Sie wieder lebendig werden, meint sie. Jean ist empört, denn Sie habe sich ihm verweigert, und alles Wichtige besitze sie.
Tags darauf findet der Gesellschaftsabend statt; man sinniert über dies und das. Haltung bewahrend, beäugt Jean Gabrielles öligen, fülligen Liebhaber - ein Redaktor der von Jean aufgekauften Zeitung. Gegen Ende des Abends versammelt Jean die Damen und Herren um sich. Er deutet eine Bekanntmachung an und übergibt das Wort Gabrielle. Schlecht sei der Zeitpunkt nun, doch zwei Herren unter ihnen beträfe die Angelegenheit, sagt sie. Die Gesellschaft haltet kurz inne, bald darauf verabschiedet sie sich. Gabrielle möchte ebenso, doch Jean insistiert: "Bleiben Sie!"
Kinofilm-Rating
Der französische Regisseur Patrice Chéreau (Intimacy) adaptierte, zusammen mit der Co-Autorin Anne-Louise Trividix, das Buch des Schriftstellers Joseph Conrad "The Return" (aus dem Sammelband "Tales of Unrest", 1898) - der zudem mit einem anderen Buch ("Das Herz der Finsternis" bzw. "Heart of Darkness", 1902) für den Film von Francis Ford Coppola Apocalypse Now die Vorlage gab.
Das Drama Gabrielle beschreibt, durch einen kurzen Auschnitt, das Leben eines Ehepaars, das, gutbetucht und kultiviert, in der "Belle Epoque" (nicht zu verwechseln mit den "Golden Twenties", die nach dem ersten Weltkrieg begannen) lebt, also in einer Zeitspanne vor dem ersten Weltkrieg (1914-1918) des letzten Jahrhunderts. Die meisten Menschen in der dort beschriebenen Gesellschaft meiden Gefühlsregungen wie der Teufel das Weihwasser und üben sich kontrolliert und mit einer gewissen Zurückhaltung in gekünsteltes Gequatsche - man wählt auch eine unbedingte Anpassung, um ja nicht unschicklich aufzufallen. Der Ehemann trägt diese aufgesetzte Maske und glaubt mit Kontrolle und Macht über seine wunderschöne Frau nach belieben verfügen zu können. Er sieht in ihr fast ein Austellungsobjekt (wie sie all in ihrem grossen Haus ausgestellt sind). Ihre Gefühle zueinander erkalten, die Liebschaft der Ehefrau mit dem Redakteur lässt den Scheitel des Ehemanns nicht mehr am rechten Platz sitzen und der "Showdown" ist unausweichlich.
Der Regisseur bedient sich vieler Mittel der Filmsprache und versucht damit die Stimmung und den psychologischen Konflikt einzufangen bzw. er projeziert sie auf das Ambiente: Während sich Jean durch das Menschengewühl am Bahnhof nach Hause begibt, wurde das Bild in schwarzweiss gehalten, gleichzeitig haltet er einen Monolog (über sich, seine Frau und die Meinung anderer über ihn). Dann wieder in Farbe (je nach Szene in den drei Grundtönen variierend), wird die Gesellschaft beim Dinnieren eingefangen. Als Jean den Brief liest und das Glas fallen lässt, ist das Bild unscharf und verlangsamt sich die Zeit im Film. Es gibt Texteinblendungen wie in Stummfilmen, zum Beispiel "Bleiben Sie!". Die Kamera (Eric Gautier) schwebt leicht dahin (gruselig das nach oben Wandeln der Bediensteten im Treppenhaus), das Licht ist wohldosiert, düster gehalten. Manche Aufnahmen wirken wie gestellt (Kunstbilder, Photos), beispielsweise die Szene, wo eine ältere Dame musiziert/singt und die Kamera die lauschende, posierende Gesellschaft einfängt. Herrlich!
Mich hat die Geschichte und die Umsetzung an Stanley Kubricks Eyes Wide Shut (Buch "Traumnovelle" von Arthur Schnitzler, 1926) erinnert. Hier hat die Frau den Mann tatsächlich betrogen (kehrte aber wieder zurück), bei Eyes Wide Shot deutet es Nicole Kidman nur an, sie hätte um ein Haar (um das Wort jenes Seemanns) ihren Mann verlassen. Aber in beiden Filmen findet anschliessend eine ähnlich ablaufende Eruption der Gefühle statt. Dem nun geschwächten Mann offenbart sich Ungeahntes, ja fast Unmögliches und die auf ihn herab preschende Realität rüttelt ihn wach. Zuletzt gleicht das schallende Lachen der Isabelle Huppert dem der sich im Schlafzimmer auf den Boden räkelnden Nicole Kidman. Aber, schauspielerisch einwandfrei - phantastisch wie Pascal Greggory diesen anfänglich souveränen und arroganten, dann zerbrochenen Mann mimt; eindrücklich, wie Isabelle Huppert ihren durch die äusseren Missstände unterdrückten Knopf der Gefühle erst bedächtig löst (obwohl, ich hätte als Kontrast gerne eine andere Seite, also eine lächelnde, fröhliche Ehefrau in den Armen des Redakteurs gesehen - die Darbietung ist mir fast zu kühl).
Ein handwerklich hochstehender und schön ausgestatteter Film über eine aufrüttelnde Geschichte zweier unverstandenen Menschen, an dessem Ende womöglich ein Neuanfang steht. Auf jeden Fall gibt's am Schluss ein nettes Schmankerl - wie der "edle Tropfen" Diane Keaton sieht Isabelle Huppert so wie sie Gott schuf echt toll aus.
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