A Cock and Bull Story (2005)

A Cock and Bull Story (2005)

Oder: Das Wunder der Zangengeburt

A Cock and Bull Story

Perlweiss wie die Weste

Cock? Sicher. Bull? Ebenfalls. Aber wird hier wirklich eine Story erzählt? Nicht wirklich. In einer ersten Hälfte erleben wir (nach einer Einstiegsimprovisation der beiden Hauptdarsteller Steve Coogan und Rob Brydon über die Farbe ihrer jeweiligen Gebisse), wie die Hauptfigur Tristram Shandy (Steve Coogan) seine Zuschauer in die Verfilmung seines Lebens im 18. Jahrhundert einführt. Er wird die losen Handlungsstränge dieser Verfilmung mehrmals persönlich unterbrechen (notabene um dem Knaben, der seine Rolle in Kinderjahren spielt, zu erklären, wie er seine Beschneidung mit einem Fensterrahmen gespielt haben will).

A Cock and Bull Story

Tristram in Utero

Gleich zu Beginn werden die narrativen Ebenen des Projekts durcheinandergewürfelt, und nach etlichen Flashbacks und Digressionen, die sich hauptsächlich um die Ahnen und um die Umstände der Geburt Tristram Shandys drehen, wird das Ganze in der zweiten Hälfte zu einem Pseudodokumentarfilm über die anscheinend höchst chaotischen Umstände ebendieser Literaturverfilmung - ausgehend von einem Roman von Laurence Sterne, erschienen zwischen 1759 und 1767, in welchem der Erzähler mit seiner Biographie ebensowenig auf den Punkt kommt wie Tristram Shandy in diesem Film - auch er schafft es kaum über seine Geburt hinweg.

A Cock and Bull Story

Onanie or not to be

Steve Coogan ist in der zweiten Hälfte also nicht mehr Tristram Shandy, sondern ein Pseudo-Steve-Coogan, in dessen Privatleben wir nun einzelne, nicht immer sehr relevante Einblicke erhalten. Es folgen witzige Momentaufnahmen von den vorgetäuschten Dreharbeiten - in einer besonders denkwürdigen Sequenz wird der nicht besonders begeisterte Coogan von der Filmcrew kopfüber in einen übergrossen Uterus aus Kunststoff gehievt, aus dem heraus er Teile der Narration sprechen soll. Tja, und so dauert das und dauert - bis die letzte Klappe gefallen ist.


DVD-Rating

Einen Film über die Verfilmung eines unverfilmbaren Buches zu machen - dieser Gedanke wird Michael Winterbottom und Steve Coogan wohl gereizt haben, als sie sich zu diesem Projekt entschlossen. Einerseits bietet das Buch - so zerfahren es ist - tatsächlich viel komödiantischen Stoff zu einem noch nicht besonders ausgereizten Thema: der Geburt und ihren Komplikationen (will heissen: Pärchen in Erwartung sollten einen grossen Bogen um den Film machen oder ihn zumindest für später aufbewahren). Andererseits bietet der Stoff den Drahtziehern auch die Gelegenheit zu einer endlosen Aneinanderreihung von In-Jokes sowohl über das Filmemachen wie auch über ihr Image als Filmschaffende in der Öffentlichkeit.

Meister dieses Film-im-Film-Genres waren bis anhin Federico Fellini und François Truffaut - man denkt insbesondere an ihre jeweiligen Schlüsselwerke und La nuit américaine - und diesen beiden Vorlagen wird auch an zahlreichen Stellen von Tristram Shandy gehuldigt. Mit einem grossen Unterschied allerdings - wo Fellini mit Marcello Mastroianni und Truffaut mit Jean-Pierre Léaud unschwierig erkennbare Alter Egos ihrer eigenen Persönlichkeiten auf die Leinwand brachten, hält sich Michael Winterbottom stark zurück. Der Regisseur des Films im Film (gespielt von Jeremy Northam) steht in keiner Weise im Zentrum - dies übernehmen vielmehr die Darsteller und einzelne Mitglieder der Crew, deren Turbulenzen man ausführlich verfolgen darf.

Im Grunde genommen dreht sich hier alles um den bereits etliche Male erwähnten britischen Star Steve Coogan. Hierzulande sah man ihn bisher auf den Leinwänden als Phileas Fogg in Around the World in 80 Days mit Jackie Chan und in einem der besseren Segmente aus Coffee & Cigarettes von Jim Jarmusch. Die Briten kennen Coogan jedoch von einer ganz anderen Seite - für sie ist er die Kunstfigur Alan Partridge, ein höchst inkompetenter aber selbstverliebter Moderator, der in seinen zahlreichen Sendungen und Serien von einem Fettnäpfchen ins andere tritt. Coogan ergreift nun in "Tristram" die Gelegenheit, einen Steve Coogan zu spielen, der er es satt hat, immer nur als Partridge wahrgenommen zu werden.

Ist Tristram Shandy also nur etwas für Insider oder Literaturkenner? Nein. Das Ganze ist eine extrem vergnüglichen Nabel(schnur)schau, die auch für entdeckungsfreudige Uneingeweihte viel zu Lachen bietet, wenn auch nie nach dem Rezept einer klassischen Komödie. Dies gilt insbesondere auch für den auf der DVD enthaltenen Audiokommentar von Coogan und Brydon, der auf der Meta-Meta-Ebene noch ein paar besondere Pointen (und Zoten) aus dem Stoff herauskitzelt. Für Fans der zeitgenössischen englischen Humorschaffens ist diese Produktion ein spassiges Stelldichein, wo auch der omnipräsente Stephen Fry und Mark Williams aus der Fast Show auf einen Handschlag vorbeischauen.

Wer übrigens den Stab aufmerksam durchliest, entdeckt überdies Gillian "Scully" Anderson in einer kleinen Nebenrolle als Witwe Wadham. Was ausgerechnet sie in diesem Film verloren hat, soll hier nicht verraten werden. Nur soviel: nach jahrelanger Feldarbeit mit unerklärlichen Phänomenen ist sie unter diesen seltsamen Menschen genau richtig am Platz.

Bild und Ton der amerikanischen DVD sind korrekt, die in den schnelleren Passagen hilfreichen englischen Untertitel sind vorhanden.

4.7 Sterne 4.5 Sterne
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24.07.2006 / juz


DVD-Infos

  • Bildformat: 2.35:1 (anamorphic Widescreen)
  • Sprachen: Englisch (Dolby Digital 5.1)
  • Untertitel: Englisch, Spanisch
  • Extras: Audiokommentar von Steve Coogan and Rob Brydon, ausführliches Interview mit Steve Coogan von Tony Wilson (24 Hour Party People), unbenützte Szenen, erweiterte Szenen, Making-of, Trailer

A Cock and Bull Story (2005)
Bewertung: 4.7 (6 Bewertungen)
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