Brothers of the Head (2005)

Brothers of the Head (2005)

Oder: Verbunden auf Gedeih und Verderb

Stell dir vor, du würdest dein ganzes Leben zusammen mit einer anderen Person verbringen - jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde. Immer gemeinsam, in nächster Nähe, keinen Moment getrennt. Beim Essen, beim Duschen, beim Sex. Immer...

Brothers of the Head

Aus braven Jungs...

Für die Zwillinge Tom (Harry Treadaway) und Barry Howe (Luke Treadaway) ist ein solches Leben Realität: Die Brüder sind am Unterleib zusammengewachsen. Geboren in den 70er Jahren, als die medizinischen Möglichkeiten zur Trennung von siamesischen Zwillingen noch limitiert sind, will ihr Vater die Brüder nicht operieren lassen und zieht sie stattdessen in völliger Einsamkeit irgendwo in der Einöde an der Ostküste Englands auf.

Brothers of the Head

...werden allmählich...

Das ruhige Leben der Zwillinge nimmt eine Wendung, als sie von einem Musikproduzenten auf der Suche nach neuen Attraktionen entdeckt werden. Der schmierige Talentsucher erkennt sofort, dass mit der Behinderung von Tom und Barry Geld zu machen ist. Unter der Leitung eines gewalttätigen Band-Managers werden die beiden zu Musikern ausgebildet; Tom spielt Gitarre, Barry singt. Dank ihrem Talent haben die beiden innert kürzester Zeit enormen Erfolg.

Brothers of the Head

...schnöde Punkrocker

Der Eintritt der Zwillinge in die Welt des Punkrock ist jedoch auch begleitet von Alkohol und Drogen - und von der Bekanntschaft mit Laura Ashworth (Tania Emery/Diana Kent), einer Journalistin mit Groupie-Vergangenheit. Tom und Laura verlieben sich. Ihre Beziehung, zusammen mit den kraftraubenden Konzerten und den Drogenexzessen, belastet die Zwillinge psychisch allerdings immer stärker. In Tom wächst verborgen der Wunsch, von seinem Bruder getrennt zu werden. Ein Wunsch, der nicht erfüllt werden kann...


Kinofilm-Rating

Brothers of the Head ist der erste Spielfilm des Regisseurduos Keith Fulton und Louis Pepe. Die beiden Amerikaner, die sich bisher mit Dokumentarfilmen einen Namen gemacht haben (Lost in La Mancha), bleiben ihrem Ursprungsgenre aber auch beim Erzählen dieser erfundenen Geschichte treu: Die Story, die auf dem gleichnamigen Roman "Brothers of the Head" von Brian Aldiss basiert, mag fiktiv sein - formal kommt sie perfekt verpackt in der Form eines Dokumentarfilms daher. Die Schicksalgeschichte der zusammengewachsenen Zwillingsbrüder wird mit Bild- und Filmaufnahmen von anno dazumal präsentiert, sowie mit Interviews belegt, in denen Zeitzeugen und Dabeigewesene die Ereignisse aus heutiger Sicht kommentieren. Die Dokumenation wirkt so authentisch, dass man als Zuschauer ohne Vorwarnung kaum eine Sekunde an ihrer Echtheit zweifelt. Erst die dem Film folgenden erfolglosen Recherchen zur Band "The Bang Bang" und der Blick ins Presseheft verraten den wahren Sachverhalt: alles nur erfunden!

Brothers of the Head ist also ein Spielfilm in Dokumentarform - in manchen Publikationen als "Mockumentary" bezeichnet - und als solcher etwas gewöhnungsbedürftig; die Entscheidung, eine fiktive Story in der Form eines Dokumentarfilms zu präsentieren, sorgt beim Zuschauer für leichte Verwirrung. Sie ist aber raffiniert: Fulton und Pepe spielen damit ganz bewusst mit den Erwartungen und der Rezeptionshaltung der Zuschauenden. Einer Dokumentation, speziell einer scheinbar so gut und authentisch belegten, glaubt man auf Anhieb halt einiges mehr, als einer erfundenen Geschichte. Dabei ist es nicht so, dass die Idee zusammengewachsener Punkrockzwillinge prinzipiell extrem abwägig wäre; im Gegenteil, liest und hört man doch in den Medien gerade in jüngster Zeit des Öfteren von siamesischen Zwillingen und den medizinischen Schwierigkeiten einer Trennung. Doch die Vorstellung, mit einem Menschen zusammengewachsen zu sein, und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, wird durch den Wahrheitsanspruch der Geschichte noch um einiges plastischer - das gedankliche Fluchttürchen ('da hat jemand aber eine blühende Fantasie') bleibt geschlossen.

Brothers of the Head überzeugt aber nicht nur aufgrund seiner raffinierten formalen Präsentation. Die Geschichte um die siamesischen Zwillinge entführt das Publikum auch in die Musikszene der 70er Jahre und bietet dabei nicht nur einen (nostalgischen) Blick zurück, sondern vorallem satte Punkrock-Sounds, die oft sehr gut anzuhören, manchmal allerdings auch einfach laut sind. Dabei ist es faszinierend zu wissen, dass sämtliche Band-Darsteller alle Stücke selber spielen und singen. Es wird ausserdem die Geschichte zweier junger Männer erzählt, die mit einer ganz speziellen Lebenssituation konfrontiert sind. Dabei ist es vorallem die Vorstellung, wie es sein muss, ein solches Leben zu führen, die gedanklich gefangen hält und auch nach Filmende nicht mehr so schnell loslässt. Insofern ist es im Endeffekt noch nicht einmal so sehr das tragische Ende der zwei jungen Musiker, das berührt (bewegte Lebensgeschichten scheinen in der Musikbranche des öfteren vorzukommen (vgl. Ray, Walk the Line)), sondern vorallem der Versuch, sich selber ein solches Leben vorzustellen, der beschäftigt. Dass der Anblick jenes Hautteils, welches die Zwillinge verbindet, ziemlich eklig ist, hat ausserdem einen gewissen "Gaffer"-Effekt.

Insgesamt ist Brothers of the Head ein Film, der viel Futter für die Fantasie liefert und nebenbei einen interessanten Blick back to the Seventies bietet. Starke Musik inklusive. Allerdings sei der Kinobesuch nur jenen empfohlen, die über ein robustes Gehör verfügen.

4.0 Sterne
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16.02.2006 / rs