Angry Monk (2005)
Angry Monk (2005)
Oder: Dscha'dsche Köngbi Dschag'ba (Rebell im Mönchsgewand)
Gendun Choephel wird im Jahre 1903 im Dorf Shol-phang (Rebkong) in Osttibet, einem Spannungsgebiet nahe an der Grenze zum Nachbarn China, geboren. Im Alter von fünf Jahren erhält er eine traditionelle Mönchsausbildung im Gelug pa Kloster "Labrang Tashikyil" in Amdo und, wie damals üblich, studiert er 1927 im weltgrössten Kloster "Drepung" zu Lhasa. Früh erweist er sich als ein scharfer Beobachter und Kritiker Tibets. Die feudalen Machtstrukturen und die festgefahrene Sicht auf die tibetische-buddhistische Lehre sind ihm ein Dorn im Auge. Die heiligen Schriften scheinen ungenutzt nur unter dicken Staubschichten zu verschwinden, anstatt tatsächlich studiert und entsprechend den Worten sich das Leben zu gestalten. Desweiteren sei auch der eigentliche Sinn der traditionellen Debatten verloren gegangen, sie werden nur stumpf-mechanisch vollzogen und nicht als spielerische, konstruktive Auseinandersetzung angesehen. Enttäuscht über die Unmöglichkeit, eine fällige Modernisierung der starr-konservativen Gesellschaft Tibets einzuleiten, wendet er sich im Jahre 1934 vom klösterlichen Leben ab. Er hält sich als Portraitmaler und Künstler über Wasser.
"In Tibet - ist alles, was alt und traditionell ist, ein Werk Buddhas. Alles Neue hingegen ein Werk des Teufels. Das ist die traurige Tradition meines Landes." (Gendun Choephel, Gedicht, Tibet, 1946)
Zur gleichen Zeit lernt er den Inder Rahul Sankrityayan kennen, ein Buddhismus-Forscher und kommunistischer Aktivist des indischen Unabhängigkeitskampfes gegen die britischen Kolonialisten. Mit ihm bereist Gendun Choephel Tibet, übersetzt und erforscht alte tibetische Texte. Durch das aufmerksame Lauschen der Geschichten und Gedanken seines Begleiters, entwickelt Gendun Choephel eine Begeisterung zum Land Indien, welches ab 1938 bereist wird. Dort erlebt er staunend eine Welt, so wie sie nie gesehen: Gfürchig rauchende, dumpf stampfende Stahlkolosse, unheimlich chaotische Städte, das Baden der Pilger in einem heiligen Fluss, die indischen Frauen, der Alkohol, das Rauchen, die Bordellen, die faszinierenden Bibliotheken, der unzimperliche Kampf der Einheimischen gegen die Kolonialisten. Beflügelt schreibt er erste Zeitungsartikel, übersetzt das Kamasutra ins Tibetische, notiert besuchte Orte in einem Reisebericht/-begleiter zusammen (Guide to Holy Place in India, A Clear Golden Account of Travels Around the world), beginnt ein Buch über die politische Geschichte Tibets (The Political History of Tibet) zu schreiben und tritt einer von jungen Auslandstibetern gegründeten, tibetischen Partei bei (Tibet Improvement Party).
"Was mich betrifft - ich kenne keine Scham und ich liebe die Frauen. Mann und Frau - sie beide sehnen sich nach körperlicher Vereinigung. Keine Religion und kein Gesetz der Moral könnte das verhindern. Unterdrückt man die natürlichen Leidenschaften des Menschen, wachsen pervertierte im Verborgenen." (Gendun Choephel, Vorwort Kamasutraübersetzung, Kalkutta, 1939)
Seine Haltung und seine Worte erreichen die Toren Tibets, die Menschen dort trauen ihren hehren Ohren nicht. Um 1946 reist Gendun Choephel, reich an Erfahrungen, zurück in sein Heimatland. Zwei Jahre später schmeisst ihn die tibetische Regierung aufgrund suspekten Aktivitäten in den Kerker. Allmählich verdunkelt sich der Himmel über Tibet. Gendun Choephel kommt geschwächt gegen Ende des Jahres 1950 frei. Die Volksrepublik China marschiert in Tibet ein. "Jetzt haben wir den Dreck", soll Gendun Choephels Kommentar dazu gewesen sein. Er stirbt verbittert am 15. August 1951.
"Anderen zu sagen / es sei nur ein Gerücht / ist nicht genug. / Frage mit deinem Herzen. / Was wird es dir Anworten?" (Shin-gosen Waka-shu, japanisches Gedicht, 1303)
Kinofilm-Rating
Beim Thema "Tibet/China" weicht man vom Pfad der (fernöstlichen) Tugend ab. Für (zumindest mir diesseits bekannte) Menschen beider Länder ist die Lage beschämend, Diskussionen untereinander gehen manchmal unschön aus. Man hofft, dass Stimmen des Protestes, vor allem aus den eigenen Reihen, gegen das Vorgehen der Hu Jintao-Administration nicht ausbleiben. So wie Stimmen des tibetischen Mönchs Gendun Choephel gegen sein Heimatland Tibet nicht ausblieben. Er sah Missstände, und schimpfte. Er guckte über den Tellerrand hinweg, und staunte. Er erhob Stimme, und fand wenig Beachtung.
Der Regisseur Luc Schädler beendete vorerst seinen Film Made in Hong Kong (Lizenziatsarbeit, Filmwissenschaft, Uni Zürich, 1997), der ein Bild über die britische Kronkolonie Hong Kong vor der Rückgabe an China wiedergibt. Daraufhin fasste er die in fünfzehn Jahren wissenschaftlicher Beschäftigung angesammelten Daten rund um Tibet und Gendun Choephel und zeichnete eben diesen Film (der in Zürich sogar die erste Dissertation in Form eines Filmes ist).
Das in acht Episoden strukturierte Roadmovie folgt, untermalt mit nettem Gitarrengezupfe und einer angenehmen Stimme, den Spuren der Zeitgeschichte Tibets und den Pfaden Gendun Choephels (manchmal buchstäblich seinen Wegen). Der Film wirft erfreulicherweise durch einen anderen Protagonisten, als zumeist durch den Dalai Lama, einen Blick auf Tibet. Alte, noch nie wiedergegebene Filmdokumente werden gezeigt und feine Anekdoten über Gendun Choephel traurig wie amüsant erzählt (zB. jenes wunderbar unverblümte Interview mit Golok Jigme). Doch scheint Wahl der Interviewten und Aufzeigen der Kräfteverhältnisse in Tibet eher Schaedlers Konzept bzw. Bild zu Tibet zu entsprechen. Schade ist, dass der Dalai Lama nicht um eine kurze Meinung gebeten wurde (laut Schaedler wäre dies sogar "wahrscheinlich nicht besonders schwierig gewesen"). Und vielleicht wäre der Film durch das Aufzeigen von sowohl Meinungen von jungen Tibetern (auch Chinesen) zB. in der Schweiz (ich fragte eine Tibeterin, sie kannte den Gendun Choephel nicht), wie auch von "echten" Gegnern (Gegenreformern, Chinesen) ausbalancierter. Desweiteren wage ich zu behaupten, dass es mehrere (erwähnungsbedürftige) Querdenker gegeben hat, denen diese Selbstbeweihräucherung in den oberen Etagen des Adels und Klerus auch aufgefallen ist (ausser später im Exil). Nun gut, mir war der "Angry Monk" (der Titel "wütender Mönch" ist ironische Absicht) gänzlich unbekannt und durch diese Perspektive erhält man wohltuend eine andere, ergänzende Sicht auf Tibet - leg'dschö demu tschig (empfehlenswerter Film).
Wer mehr Informationen erfahren möchte - die PR-Arbeit ist solide, der Film wird auf der Website ausführlich beleuchtet. Am Ethnologischen Institut der Universität Zürich doziert zudem Luc Schädler über den "Entstehungsprozess eines Dokumentarfilmes", praktischerweise mit seinem Film Angry Monk als Beispiel. Und, nach den vielleicht erfolgreichen, obligaten "Casual Days" auf dem Ikea-Teppich des Sundance-Festivals, dürfte einer DVD-Veröffentlichung nichts im Wege stehen.
Ansehen, weil der Film durch eine andere Perspektive die Facetten der Geschichte Tibets aufzeigt.
Wegsehen, da manchmal zu sehr auf des Regisseurs Bild zu Tibet gepocht wird.
Umsehen, weil nicht seine Heiligkeit der Dalai Lama die erste Geige Ghanta spielt.
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