Yasmin (2004)
Yasmin (2004)
Oder: Bend it like Blunkett
Yasmin (Archie Panjabi) ist eine aufgeschlossene Engländerin pakistanischer Herkunft. Sie betreut Behinderte und lebt ausserhalb ihrer Familie ein Leben nach westlichen Gepflogenheiten. Dazu gehört, dass sie jeden morgen auf dem Weg zur Arbeit die traditionelle muslimische Kleidung abstreift und sich in Jeans zwängt. Ihre Arbeitskollegen schätzen sie sehr und im Quartier ist sie die erste Anlaufstelle für Frauen, die mit amtlichen Formularen nicht klar kommen.
Der Wächter über die Moschee des Ausländerviertels, in dem Yasmin lebt, ist ihr Vater (Renu Setna). Der fromme Witwer gibt seiner Tochter gerne Freiheiten. Dafür behält Yasmin in seiner Gegenwart das Kopftuch an und geht ihm zuliebe eine Scheinehe mit einem verwandten Ziegenhirten ein, bis dieser das definitive Aufenthaltsrecht erhält. Dass ihr Bruder Haschisch verkauft, sieht Yasmin gar nicht gerne.
Sie ahnt noch nicht, wie sehr der Angriff der Al-Kaida vom 11. September 2001 das Leben von ihr und ihrer Familie verändern kann. Plötzlich wird Yasmin als Muslima, die zwar nicht weiss, wie man Osama richtig ausspricht, am Arbeitsplatz schief angeguckt. Und die Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht erlauben der britischen Polizei auch bei einer dürftigen Beweislage, bei ihr zu Hause eine Hausdurchsuchung und brutale Festnahmen vorzunehmen.
Kinofilm-Rating
Die Muslima Yasmin fährt Golf GTI, ist quirlig wie Salome Clausen und flucht wie ein Rohrspatz - im grossen und ganzen nicht viel anders als der grosse Rest der Frauen in ihrem Alter. Die Stimme ihres Vaters hallt mehrmals pro Tag vom Minarett über der Gemeinde und wird trotzdem laut und zornig, wenn sich jemand über den 11. September freut. Dies sind nur zwei Bilder aus dem englischen Film Yasmin, die nicht unbedingt den Erwartungshaltungen entsprechen.
Regisseur Keeny Gleenan, der bisher Fernsehserien für die BBC drehte, gibt einen fast dokumentarischen Einblick in eine nordenglische Stadt, in der die abgeschotteten Ausländersiedlungen weder gut integrierte Multikulti-Quartiere noch Brutstätten von Terroristen sind. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen. Alle Menschen, die darin leben müssen, sind hin und her gerissen zwischen zwei Identitäten. Exemplarisch wird der Konflikt mit Yasmins Tenuewechsel, der genau an der Grenze zwischen der englischen und muslimischen Front stattfindet. Das Alter spielt dabei weniger eine Rolle. Auch Yasmins Vater träumt immer noch vom schönen Haus in der Heimat, obwohl ihm Grossbritannien schon lange als Zuhause dient. Yasmins Bruder, der Kleindealer, geniesst die Blowjobs seiner blonden Kundinnen und trotzdem üben die radikalen Islamisten eine grosse Faszination auf ihn aus.
Der Film zeigt auch, dass die pakistan-stämmige Bevölkerung schon vor dem Kampf gegen den Terror schikaniert wurde. Wüste Graffitis an den Rollläden und Polizeikontrollen waren schon vor dem Herbst 2001 allgegenwärtig. Der Klimawechsel nach dem 11. September hat einfach die teilweise schon mühsam aufgebaute Akzeptanz wieder zerstört. Yasmin, die zwischen den Welten wandeln konnte, wird so einer Option beraubt und kehrt zurück zu ihren muslimischen Wurzeln. Sie findet zu Gott - nur nennt sie ihn anders: Allah. Die Frage stellt sich, ob es das war, was die westlich-säkularisierte Welt mit den Antiterrormassnahmen erreichen wollte.
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