Vera Drake (2004)

Vera Drake (2004)

Oder: Perle aus England

Vera Drake

Die Ruhe vor dem Sturm

Im England der 50-er Jahre ist die Gesellschaft in zwei Teile gespalten. Die Upper- und die Middleclass. Während die oberen sich Luxusgüter wie Waschmaschinen oder Fernseher leisten konnten, kämpft sich der Rest mehr schlecht als recht durchs Leben. Vera Drake (Imelda Staunton) arbeitet fleissig als Putzfrau in mehreren Familien und auch der Rest ihrer Familie ist bemüht, das Leben mehr oder weniger gut und erfolgreich zu meistern. So arbeitet Ehemann Stan (Phil Davis) bei seinem Bruder, der Sohn Sid (Daniel Mays) ist in der Modebranche und Tochter Ethel (Alex Kelly) testet Glühbirnen. Zuhause trifft man sich und versucht, die Familie so gut zu geniessen, wie es möglich ist. Der Zusammenhalt dieser Familie ist ganz klar Vera Drake.

Neben all dem Putzen und sich um die Nachbarn und die kranke Mutter kümmern, hat Vera Drake allerdings noch eine weitere Beschäftigung. Sie wird "gebucht" als Person, die jungen Mädchen bei ungewollten Schwangerschaften zur Seite steht und illegal Abtreibungen vornimmt. Vera sieht sich selber als helfende Hand, nimmt kein Geld für diese Aktionen und ist überzeugt von dieser guten Sache, denn schliesslich ist alles, was sie will, helfen. Nie und nimmer hat sie sich Gedanken gemacht, dass an ihren Handlungen etwas Unrechtes sein soll.

Vera Drake

The moment of truth

Während also im trauten Familienzusammensein Tochter Ethel endlich einen Freund findet, der Bruder des Vaters mit glücklichen Neuigkeiten über ankommende Kinder informiert und man gemeinsam beisammen ist, hat eine der Patientinnen von Vera gesundheitlich grosse Probleme. Sie wird in ein Spital eingeliefert und entrinnt nur knapp dem Tod. Durch den zuständigen Arzt informiert, schaltet sich die Polizei ein und nimmt die Ermittlungen auf.

Vera Drake

Wenn die wüssten...

Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Detectives vor der Tür der Drakes auftauchen und die Familie auseinander reissen. Vera wird verhaftet, verhört und verurteilt. Und obwohl sie sich der Strafe stellt, ist sie noch immer absolut überzogen, den jungen Mädchen doch nur geholfen zu haben. Ihre eigene Familie droht unterdessen an den Ereignissen zu zerbrechen. Vor allem Sohnemann Sid hat extreme Mühe mit den Taten der Mutter und konfrontiert sie auch direkt mit seinen Anschuldigungen.

Wird die Familie diese Veränderungen als Einheit überleben? Was passiert mit Vera? Was geschieht mit den Personen, welche ebenfalls Schuld an den Taten tragen?


Kinofilm-Rating

Was macht ein OutNow-Redaktor, wenn er am Donnerstag Abend durch Zürich läuft und keine Lust auf Hollywood, Action, Thriller oder oberflächliches Getue hat? Richtig, er höcklet sich in ein Arthouse und gibt sich einen mehrfach ausgezeichneten und von allen Seiten gelobten, englischen Film über eine Frau, die illegal Abtreibungen vornimmt. Und wenn dieser gleiche Redaktor nach über 2 Stunden wieder aus dem Kino kommt und sich die halbe Nacht um die Ohren schlägt, weil er über das eben gesehene nachdenken muss, dann hat das zu bedeuten, dass der Film mehr als nur "okay" war. Und Vera Drake ist definitiv mehr als nur "okay". Vera Drake ist verdammt beeindruckend.....

Angefangen bei der eigentlichen Geschichte, die so unspektakulär erzählt beginnt, dass sich der Zuschauer schon nach kurzer Zeit in dieser Familie heimisch fühlt. Die Abende im Wohnzimmer, die Liebe der einzelnen Figuren zueinander, die alltäglichen Sorgen und mittendrin eine Frau mit einem Herz aus Gold. Sie hilft allem, jedem und hat immer eine freundliche Bemerkung auf den Lippen. Und so alltäglich wie ihre Arbeiten als Putzfrau und ihr Dasein als Mutter ist, so "normal" werden auch die Abtreibungen präsentiert. Keine aufdringliche Musik, kein "Achtung, jetzt passiert was" sondern diese Eingriffe sind ein Teil des normalen Alltags der Vera Drake.

Als dieser Alltag dann zusammenbricht, ist die Familie ebenfalls heillos überfordert und die ganze Gemeinschaft zerbröckelt. Das verlangt von allen beteiligten Schauspielern ein überdurchschnittliches Talent und vor allem von den Hauptfiguren eine Leistung, wie sie besser nicht sein könnte. Vor allem natürlich, die mir bisher unbekannte, Imelda Staunton, die der Figur der Vera Drake ein Gesicht und eine Tiefe verleiht, welche mich total überzeugt hat. Man freut sich anfänglich mit ihr über Kleinigkeiten, wie Bonbons, die sie kauft. Man leidet aber auch mit ihr, wenn sie zusammenbricht und sich vor dem Richter wiederfindet. Auch die Frage: "Abtreibungen - Ja oder Nein" wird hier zu wiederholten Diskussionen führen. Denn grundsätzlich, und das ist ja das dramatische am ganzen Film, will ja die gute Frau nur helfen.... Dass sie dabei das Gesetz schwerwiegend verletzt, merkt sie zu spät. Und dass sie nicht die Einzige ist, macht die Sache noch schlimmer.

Fazit: Vera Drake ist ein deprimierender, interessanter, genial gespielter und zu Recht ausgezeichneter Film, den leider zuwenig Leute schauen werden, da er ein heikles Thema bearbeitet und "nur" in kleineren Kinos zu sehen ist. Zwischendurch wird der Zuschauer zwar ein bisschen eingelullt von der Stille des Filmes und manche Szenen hätte man sich sparen können, aber gesamthaft gesehen bleibt mir nichts anderes übrig, als den Film zu loben und vor allem den Schauspielern absoluten Respekt für deren Leistung zu zollen.

4.8 Sterne
4.8 Sterne (15 Bewertungen) | 7 Kommentare

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14.01.2005 / muri