Der Untergang (2004)

Der Untergang (2004)

Oder: Hitlers letzte Tage

Der Untergang

1942. Deutschland befindet sich im Krieg und der Führer sucht sich eine neue Sekretärin. Die 22-jährige Münchnerin Traudl Junge (Alexandra Maria Lara) setzt sich trotz ihrer schrecklichen Nervosität gegen die anderen Mitbewerberinnen durch und arbeitet von nun an mitten im Zentrum der nationalsozialistischen Macht.

Der Untergang

Zweieinhalb Jahre später ist der Krieg verloren. Die Rote Armee hat das in Trümmern liegende Berlin schon fast eingekesselt. Adolf Hitler (Bruno Ganz) hat sich mit seiner Entourage im Bunker der Reichskanzlei eingesperrt und weigert sich standhaft, Berlin zu verlassen. Die Berliner Bevölkerung leidet im Häuserkampf und unter Artilleriegeschütz, aber die Kapitulation ist keine Option. Der Glaube an den Endsieg ist bei einem Teil der nationalsozialistischen Elite weiterhin ungebrochen, der andere Teil verlässt Berlin. Aber noch immer wagt es keiner, dem Führer zu widersprechen. Auch wenn seine Befehle noch so verworren sind.

Der Untergang

Während Traudl Junge im Durcheinander des Bunkers politische Testamente diktiert bekommt und Hitlers Hochzeit mit Eva Braun (Juliane Köhler) beiwohnt, versucht Dr. Schenck (Christian Berkel) in der Stadt den Soldaten und der Zivilbevölkerung zu helfen, wo er nur kann. Der 13-jähriger Peter (Donevan Gunia) kämpft mit anderen Kinder der Hitlerjugend die auswegslose Schlacht gegen die Russen.


Kinofilm-Rating

Produzent Bernd Eichinger finanzierte als Leiter der Constantin Film die unterschiedlichsten Arten von Filmen: Derb-deutsche Komödien (Manta, Manta und Ballerman 6), amerikanische Horrorfilme (Resident Evil) und Kassenschlager (Der bewegte Mann). Auch wenn Der Untergang nicht seine erste "ernste" Produktion ist, will der Film nicht so richtig in sein Resumé passen. Ein Film mit Hitler als zentraler Figur, von Deutschen gedreht, mit deutschen Schauspielern vor der Kamera ist aber ein kalkulierter Tabubruch, der durchaus im Sinne eines Produzenten vom Schlage Eichingers sein kann. Der Hype in Deutschland, das haben die letzen Wochen gezeigt, war garantiert. Sogar der normalerweise sehr schweigsame Bruno Ganz bequemte sich zu Interviews bei Beckmann und Maischberger. Ausserhalb Deutschlands ist bei diesem Thema auch für Schlagzeilen gesorgt. Et Voilà. Schon hat man einen Film von dem viele reden, bevor sie ihn gesehen haben. Das kann Eichinger nur recht sein. Zumal er sich auch gerne im medialen Rampenlicht sonnt.

Die moralischen Skrupel, die Der Untergang als Film auslöst, liegen in der Tatsache, dass er die menschliche Seite des Diktators zeigt. Hitler knutscht seine Freundin. Hitler ist charmant zu seiner hübschen Sekretärin. Hitler spielt mit der Schäferhündin Blondi. Hitler isst Pasta. Hitler, der verblödet. Trotz all diesen alltäglichen Szenen kommt man niemals auf die Idee Hitler "Dölf" zu nennen. Die Farbstifte, die er bei seinen Wutausbrüchen im Sitzungszimmer rumschleudert und seine antisemitischen Sprüche lassen das wegen seiner Krankheit ansatzweise aufkommende Mitleid leicht wieder vergessen. Hitler verkörperte auch in den letzten zwölf Tagen seines Lebens das personifizierte Böse, das keine Menschlichkeit zuliess.

Bruno Ganz ist ein gruslig-faszinierender Hitler. Gestik, Sprache und Aussehen des Schweizers lassen Hitler auf der Leinwand zum Leben erwecken. Das ist grosse Schauspielkunst, wie man es auch beim ganzen Ensemble, welches das Beste aus verschiedenen deutschen Schauspielgenerationen vereint, notieren kann. Das Renommee der Schauspieler zeigt sich auch dadurch, dass ein anderer Schweizer Mime vom Kaliber eines Mathias Gnädingers, eine stumme Sitzrolle von wenigen Minuten einzunehmen gewillt war.

Bei aller Schauspielkunst verleihen die vielen Figuren dem Film aber seine grösste Schwäche. Er wird auch mit einigermassen gutem Vorwissen über den Zweiten Weltkrieg ein bisschen unübersichtlich. Bernd Eichinger hat sein Drehbuch auf die historische Skizze des Hitlerbiographen Joachim Fest und die Tagebuchaufzeichnungen von Traudl Junge basiert. Beides sind sehr lesenswerte Bücher, die die Zeit im Bunker auf das genaueste schildern. Alle Dialogszenen und Personen sind so nach besten historischen Wissen durch Augenzeugenberichte belegt. Weil nun aber jede noch so unwichtige Figur auch im Film ihren Auftritt hat, verliert man leicht den Überblick. Man kennt die Herren Goebbels und Speer und Himmler im Normalfall. Aber bei Botschafter Hewel, Reichsleiter Bormann und Fegelein, dem Schwager von Eva Braun und vielen mehr muss ich trotz braven Aufpassens in den Geschichtslektionen passen. 91 Darsteller insgesamt geben sich in Der Untergang die Ehre und alle sind irgendwie wichtig. Nicht mal bei der Hauptfigur ist sich der Film sicher, ob es sich um Hitler handelt, um den sich alles dreht, oder Traudl Junge, aus deren Sicht wir das Geschehen geschildert bekommen.

Mit Prof. Schenck, dem Arzt und Peter, dem Kindersoldat, bekommt der Zuschauer auch einen Einblick in den Schrecken in den Strassen von Berlin ausserhalb des Bunkers. Das ist sicher für ein Gesamtbild der Katastrophe wichtig und vor allem die Szenen mit dem Jungen sind sehr gut gelungen und erinnern an die Werke von Steven Spielberg, der das Leid of auch aus der Sicht von Kindern geschildert hat. Hier kann Regisseur Oliver Hirschbiegel (Das Experiment) mit seinen Bildern gut mit andere WW2-Grossproduktionen mithalten. Aber die Frage bleibt vor allem beim Prof. Hatte es bei einer Länge von mehr als zwei Stunden, diese Figur wirklich gebraucht?

Und irgendwie fehlt einem am Ende ein Lehre, die man aus dem Film ziehen könnte. Weil man nur das Ende des Regimes sieht, kommt kein Gefühl des "Nie wieder Krieg" oder ein "Wehret den Anfängen" auf. Der Untergang ist, vor allem wenn man die Bücher zum Film kennt, eine detailgetreue und sehr reelle Bebilderung von Fakten. Originalaufnahmen von Traudl Junge, aus der Doku Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin geben dem Film eine Klammer, die dem Film eine Erkenntnis geben will, die der Film alleine nicht zustande bringt. Ein sehr interessanter Film, der zu Recht kontrovers diskutiert wird. Aber warum es diesen Film braucht, ist zumindest mir nicht ganz klar.

4.6 Sterne
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20.09.2004 / rm