Samaria (2004)

Samaria (2004)

Oder: Der koreanische Schulmädchen-Report

Samaria

Per Huckepack ins Hospital

Nicht ohne Freude prostituiert sich das Schulmädchen Jae-Young, um Geld für eine Reise nach Europa zusammen zu bekommen. Ihre beste Freundin Yeo-Jin führt als Geschäftspartnerin die Bücher und ist als Euroreisegspänli vorgesehen. Unerwarteter Polizeibesuch ist aber an der Tagesordnung. Yeo-Jin, die sorgenvollere der Beiden, passt darum jeweils auf, wenn Jae-Youg mit Kunden im Hotel absteigt. Jae-Young nimmt ihre Arbeit trotzdem erstaunlich locker und freundet sich teilweise auch mit ihren Kunden an.

Bei einem Polizeieinsatz kommt Jae-Young in einen Hinterhalt und stürzt sich aus dem Hotelfenster. Mit lebensgefährlichen Verletzungen wird sie von Yeo-Jin ins Spital eingeliefert. Ihr letzter Wunsch ist, den Musiker zu treffen, in den sie sich bei einer ihrer letzten Besuche verliebt hat. Der Vater von Yeo-Jin kommt unterdessen hinter das Geheimnis seiner geliebten Tochter und macht sich in seiner Ohnmacht auf, gnadenlos an den Freiern Rache zu nehmen.


Kinofilm-Rating

Der Schreibende muss zu seiner Schande gestehen, noch nie einen Film vom Koreaner Kim Ki-duk gesehen zu haben. Obwohl der Regisseur schon an vielen Festivals für Furore gesorgt haben soll und es ihm mit dem hier rezensierten Film gelungen ist, den Silbernen Bären der Berlinale 2004 zu gewinnen. Samaria macht aber Lust auf mehr. Seine früheren Werke einmal anzusehen, könnte sich durchaus lohnen.

Die Sozialstudie, die nicht vor der Darstellung exzessiver Gewalt zurückschreckt überrascht mit einer nicht alltäglichen Geschichte. Kindsprostitution scheint in Japan und Korea Gang und Gäbe und äusserst lukrativ zu sein. Die beiden Mädchen haben ein sehr zärtliches Verhältnis zueinander und ihre Kindlichkeit wirkt sehr verstörend in Anbetracht der Beschäftigung, der zuerst die Eine dann auch die Andere nachgeht. Ki-duk verzichtet aber auf freizügige Bilder und lässt die Würde der beiden Mädchen so intakt. Auch die Bebilderung des Rachefeldzug vom Vater wird nicht zum asiatisches Gemetzel à la Kill Bill oder anderer Revenge-Movies. Des Vaters Waffe ist die Ehrverletzung mit Todesfolge, wie man sie im Westen als ostasiatisches Suizidklischee kennt.

Zwischentitel dritteln den Film. "Vasumitra" war eine indische Hure, deren Freier von ihr so sehr beglückt waren, dass sie gleich zu Mönchen wurden. Sie stellt deshalb eine Art Vorbild für Jae-Young dar. "Samaria" ist das Samaritermädchen, zu dem Yeo-Jin nach dem Tod von Jae-Young wird. Sie will ihre Schuld begleichen, indem sie all das verdiente Geld zurückbezahlt. Das Schlussdrittel ist als "Sonata" betitelt und befasst sich mit der Rache des Vaters. Leider ist keine Übersetzung dieses Zwischentitels überliefert. Man entschuldige die Unachtsamkeit des Rezensenten, der nach der Flut von Filmen am dritten Tag des Festivals des Fantastischen Films von Neuenburg (NIFFF) nicht mit vollster Konzentration im Saal sass.

Nichtsdestotrotz berührt und fasziniert das Schicksal von Jae-Young und ihrem Vater. Die nackte Verzweiflung der beiden Figuren, und wie sie unterschiedlich damit umgehen sind sehenswert bis zum traurigen Ende in der Kiesgrube. Ein stiller, nachdenklich machender Film, der den guten Eindruck, den das südkoreanischen Kino während des NIFFF mit Natural City und Legend of the Evil Lake hinterliess, auch im Bereich Autorenfilm bestätigt.

4.9 Sterne
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06.07.2004 / rm