Gegen die Wand (2004)

Gegen die Wand (2004)

Oder: Volle Pulle ins Verderben

Gegen die Wand

Abgefuckter geht es nicht.

St. Pauli. Hamburg. Deutschland. Cahit Tomruk (Birol Ünel), ein Türke, für den das "Smack my Bitch up"-Video von The Prodigy wahrscheinlich ein einziges Déjà-vu Erlebnis darstellt, fährt mit seinem Auto ungebremst gegen die Wand. Sein verkorkstes Leben als flaschenabräumender Alkoholiker ist ihm zu aussichtslos. Er überlebt.

Sibel (Sibel Kekilli), eine junge Deutsch-Türkin, verzweifelt an den traditionellen Ansichten zur Rolle der Frau in ihrer Familie und schneidet sich die Pulsadern auf. Auch ihr Selbstmordversuch misslingt. Nun macht ihr die Familie auch noch Vorwürfe ob der Schande, die sie über sie gebracht hat.

Gegen die Wand

Eins der offiziellen Hochzeitsfotos

Die beiden treffen im Krankenhaus aufeinander und gehen auf Wunsch von Sibil eine Scheinehe ein. Denn nur wenn sie einen Türken heiratet, kommt sie von ihren Eltern los. Die beiden ziehen zusammen, teilen sich fortan eine Wohnung, aber nicht das Leben. Sibel blüht dank der neu gewonnenen Freiheit richtig auf und steckt den schwermütigen Einzelgänger Cahit an. Langsam keimt zwischen dem ungleichen Paar richtige Liebe auf. Doch bald werden die beiden von ihrer Vergangenheit eingeholt.


Kinofilm-Rating

Türkische Mädchen, deren Nasen vom Bruder gebrochen werden, weil sie beim Händchen halten erwischt wurden, sind ebenso Realität wie der türkische Gewinn des Eurosong-Contests mit europatauglicher Popmusik. Die Türkei bleibt ein Land der Widersprüche. Auch wenn in Deutschland 2 Millionen Türken leben. Auch in der Schweiz gehören sie zu den grössten ausländischen Bevölkerungsgruppen.

Fatih Akin ist einer dieser Deutsch-Türken. Soll man es ihm verübeln, dass er sich nicht um ein positiveres Bild seiner Landsleute in Deutschland bemüht hat, indem er seine Geschichte vor einem traditionalistischen Hintergrund filmt? Sicher nicht, wenn er sich auf die türkischen Melodramen bezieht, die ihn faszinieren. Noch weniger, wenn er einen spannenden Film machen will, der als Momentaufnahme der türkischen Gesellschaft inmitten der deutschen funktionieren soll.

Die ewiggestrigen Ansichten vom Heimatland sind auch bei Auslandschweizern zu erkennen, die mehrere Jahre in der Fremde verbracht haben. Jeder der schon mal auf Besuch war in der fünften Schweiz, hat das vielleicht bemerkt. Und Sibels Geschichte ist nicht aus der Luft gegriffen. Viele Frauen mit ähnlichen Lebensläufen wie die Protagonistin im Film haben sich gemäss Akin beim Casting gemeldet. Gerade erschütterte der Bericht eines türkischen Mannes aus Niederscherli bei Köniz, der zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde, weil er seine Schwester und deren Freund gezielt hingerichtet hat, um die "Familienehre wieder herzustellen".

Herausgekommen ist ein wuchtiges, verstörendes Drama, das zum Denken anregt und nicht schnell zu verdauen ist. Sibel Kekili ist eine Entdeckung. Sicher nicht die aus der Einkaufspassage, wie es das Presseheft euphemistisch Glauben machen will. Bild-Leser wissen, dass Akin im Pornobusiness fündig geworden ist. Türkische Nackedeis sind wahrscheinlich so reich gesät wie gute Schauspielerinnen im Schmudelgenre. Dass Kekili Talent und Offenherzigkeit vereint, muss für Akin ein besonderer Glücksfall gewesen sein.

Akin hat die Generation der Secondos in Deutschland schon mal durchleuchtet. Mit Anleihen bei Cinema Paradiso und einem Protagonisten, der sich in der neuen Heimat als Filmschaffender durchsetzt, spielten in Solino die Italiener, die nach dem Krieg nach Deutschland kamen, die Hauptrolle. Mit Gegen die Wand ist ihm ein noch persönlicherer Film gelungen. Die Jury der Berlinale 2004 hat Gegen die Wand mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Der erste deutsche Preisträger seit 18 Jahren.

4.5 Sterne
4.5 Sterne (25 Bewertungen) | 9 Kommentare

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18.03.2004 / rm