Garçon stupide (2004)

Garçon stupide (2004)

Oder: Welschwul Boy

Wenn Bilder täuschen...

Loïc (Pierre Chatagny) aus Bulle ist voll der Checker. Am Fliessband checkt er frische Tafeln Schokolade auf Mängel und im Internetcafe die Mails seiner Freier für unkomplizierte One-Night Stands. Seine Kundschaft reicht von geschwätzigen Langzeitsingles bis zu extensiv gepiercten Bürogummis mit Vorliebe für Riesendildos. Intellektuell checkts der Loïc aber nicht so doll. Hitler kennt er nicht, und wenn Lionel, einer seiner Stammkunden, der nur mit ihm reden will, von seiner verwinkelten Kopfform spricht, wir Loïc böse.

Er ist heller als sie.

Er ist heller als sie.

Trotzdem kommt Loïc spitze aus mit der Studentin Maria (Natacha Koutchoumov). Sie arbeitet im naturhistorischen Museum und lässt ihn bei sich in Lausanne pennen, wenn er mal wieder den letzten Zug verpasst hat. Die beiden haben ein herzliches Verhältnis. Maria bringt ihm Autofahren bei und aus ihren dicken Büchern kann ein garçon stupide immer auch etwas lernen. Was Impressionismus ist zum Beispiel. Doch dann lächelt sich Maria einen anderen Mann an...


Film-Rating

Während die Deutschschweizer in diesem Herbst ihre "Blöcklibuster" wie Uncercover und Mein Name ist Eugen mit einer grossen Portion Servelat garniert an den Start schicken haben die Romands kleine Filme mit ganz anderen Würsten im Rennen: Die Saucisson des Hauptdarstellers in Grossaufnahme oder Speckschwarten am Bauch eines der Kunden des Strichers.

Regisseur Lionel Baier scheut sich in Garçon Stupide nicht, pornographische Bilder der nächtlichen Aktivitäten von Loïc zu zeigen. Wenn die Maschinen aus der Schoggifrabrik, in der Loïc sein täglich Brot verdient, im Splitscreen-Verfahren seinen nächtlichen Eskapaden gegenübergestellt werden, birgt das zuweilen auch eine eklige Komik. Schokoladensauce, Eisenstäbe und Analverkehr müssen als Stichworte reichen, um das Bild im Kopf der Leserschaft zu vervollständigen.

Anders als bei Samirs Snow White, wo auch mit Schnitt und Kameraeinstellungen experimentiert wurde, haben bei Baier die verschiedenen Perspektive Methode und sind nicht kunstgewerblicher Firlefanz. Stammkunde Lionel sieht man nie, man hört ihn nur mit Loïc sprichen. Das Gebumse ist quasidokumentarisch eingefangen und der grosse Rest wie ein normaler Spielfilm.

Dabei begeistert vor allem die freundschaftliche Beziehung zwischen Loïc und Maria. Blendend gespielt von den beiden Laien entwickelt sich eine platonische WG-Liebe. Sie weiss, der Schwule will nie was von ihr, und er schockt sie gerne mit den Horrorgeschichten aus seinem Nebenjob. Deshalb ist es besonders Schade, dass der Film gegen Ende gleich reihenweise äusserst seltsame Wendungen nimmt. Ein völlig unmotivierter Selbstmord, bei dem man im Schock vergisst, die Gründe zu hinterfragen, leitet ein unmotiviertes Geplänkel um einen Tschütteler aus der Challenge-League, eine semiprofessionelle Videokamera und den Besuch einer Anti-G8-Demo ein. Spätestens beim Happy End(?) auf der Chilbi hat man sich dann schon fast ein Loch in den Kopf gekratzt.

Garçon Stupide ist nur am Anfang eine schön erzählte Schwulengeschichte. Dann wird's eine Coming-of-Age Story mit zu vielen Handlungssalti, als dass sie bis am Schluss packen würde. Für die mutigen Bilder und das gute Händchen bei den Schauspielern hat sich Lionel Baier aber eine Extrawurst verdient.


OutNow.CH:

Bewertung: 4.04

 

30.08.2005 / rm

Community:

Bewertung: 3.2 (5 Bewertungen)

 

 

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