Finding Neverland (2004)
Wenn Träume fliegen lernen
Finding Neverland (2004) Wenn Träume fliegen lernen
Oder: Vom Macher des Jungen, der nicht erwachsen werden wollte.
J.M. Barrie (Johnny Depp) wartet gespannt hinter dem Vorhang. Sein neuestes Theaterstück wird in London aufgeführt. Das Publikum ist dummerweise keineswegs begeistert von dem Dargebotenen und Barrie wird sich seiner Mittelmässigkeit wieder einmal bewusst. Der Direktor des Theaters, Charles Frohman (Dustin Hoffmann), zeigt Geduld mit dem Schreiber. Trotz der regelmässigen Verluste, scheint er (noch) hinter Barrie zu stehen und ist bereit, ein weiteres Theaterstück in seinem Etablissement aufführen zu lassen.
Das Privatleben von Barrie hat auch schon bessere Tage gesehen. Im London von 1904 ist es für Mann und Frau schon genug schwierig, sich in die Gesellschaft einzuführen. Und wenn dann noch die einstige Leidenschaft und Liebe langsam aber sicher zerfällt, dann sitzt man schlussendlich vor dem Scherbenhaufen.
An einem seiner nachmittäglichen Aufenthalte im Kensington Park trifft J.M. Barrie auf Sylvia Davies (Kate Winslet) und ihre vier Söhne. Er platzt in ein Spiel der Kinder und fühlt sofort eine Freiheit, die er lange nicht mehr fühlen konnte. Barrie verbringt den Nachmittag mit den Davies' und begeistert nicht nur die Kinder mit seiner Fantasie und seinen Unterhaltungskünsten.
Aus einem gemeinsamen Nachmittag werden mehrere und die gegenseitige Sympathie beginnt zu wachsen. Besonders die fantasievollen Begegnungen mit den Kindern scheinen dem Schriftsteller einen Auftrieb zu geben und die erlebten, imaginären Abenteuer mit Indianern, Piraten und tanzenden Bären werden auch sogleich schriftlich festgehalten.
Die folgende Zeit ist recht unbeschwert. Oder "könnte" recht unbeschwert sein, wenn da nicht die gesellschaftlichen Zwänge wären, in denen sich Barrie und die Witwe Davies wiederfinden. Er, verheiratet und trotzdem dauernd mit einer alleinerziehenden Frau mit Kindern zusammen. Sie, verwitwet, unter der Fuchtel ihrer Mutter und endlich wieder mal lachend. Und das erst noch mit einem fremden, verheirateten Mann. Unfassbar.
Es kommt wies kommen muss. Sylvia Davies wird immer kränker, das neue Theaterstück mit dem Titel "Peter Pan" ist aufführbereit. Doch ist die Gesellschaft bereit für eine kindliche Reise nach Neverland? Bereit für Begegnungen mit Indianern? Piraten? Hunden, die auf Kinder aufpassen? J.M. Barrie hat sich für die Premiere etwas ganz besonderes ausgedacht. Doch was passiert danach? Wie geht es mit Sylvia Davies weiter? Und vor allem ihren Kindern?
Kinofilm-Rating
Um den Jungen, der niemals erwachsen werden will, gibt's Filme fast wie Sand am Meer. Am besten in Erinnerung sind natürlich die erst kürzlich auf DVD veröffentlichte Version Peter Pan, dann die stargespickte Hook von Steven Spielberg und das Abenteuer aus dem Hause Disney. Nun kommt ein Film in die Kinos, der nicht prinzipiell die Geschichte des Peter Pan beleuchtet, sondern diejenige seines Erschaffers. Wo holt sich der Schriftsteller seine Ideen? Wer hat welchen Einfluss auf die Figuren und kommt es in einer Zeit der guten Manieren und steifen Gesellschaft überhaupt zu einer Aufführung über Fantasie und Träume?
Was auf den ersten Blick recht bieder und langweilig klingen mag, überrascht beim Betrachten des selbigen. Denn obwohl man sich bewusst werden sollte, dass es sich hier weder um eine Komödie handelt, noch irgendwelche Actionsequenzen zu sehen sind, hat der Film etwas, was vielen Produktionen der Neuzeit abgeht. Herz. Die Geschichte geht mittenrein. Während man anfänglich die Geschichte objektiv und von aussen betrachtet, wird man im Lauf des Filmes immer mehr in die Handlung reingesaugt und die Schauspieler kommen (mir zumindest) extrem nah. Man freut sich ab den kleinen Dingen, man verdrückt die eine oder andere Träne, wenn es Richtung Dramatik geht. Der Regisseur Marc Forster hat es wunderbar geschafft, eine eigentlich recht unspektakuläre Geschichte in einen Film zu packen, der berührt und der absolut zu überzeugen mag.
Während man aus Amerika Stimmen hört (und ganzseitige Zeitungsinserate liest), die den Oscar 2005 dem Schauspieler Bill Murray verleihen möchten, muss der gute Mann meiner Meinung nach, noch ein Jahr hinten anstehen. Denn Johnny Depps Performance schreit geradezu nach dem goldenen Männchen. Kaum zu glauben, aber der gleiche Typ, der damals auf dem Polizeirevier der 21 Jump Street angefangen hat, sich durch diverse Tim Burton Filme gespielt hat und letztes Jahr in Pirates of the Caribbean schon eine Oscarnominierung erhalten hat, sollte für seine Leistung in Finding Neverland mindestens als Favorit für den besten Schauspieler gehandelt werden. Hat mich extrem überzeugt, dieser Johnny Depp.
Aus dem restlichen Cast stechen natürlich Kate Winslet und Dustin Hoffmann hervor. Letzterer aber hauptsächlich wegen seines Namens, denn eine grosse Rolle konnte er sich hier nicht ergattern. Die Frau aus Titanic zeigt, dass sie mehr kann, als einen Mann anschmachten und überzeugt ebenfalls in ihrer schwierigen Rolle. Der absolute Geheimtipp ist und bleibt aber ein anderer. Freddie Highmore, der kleine Steppke, der schon in Two Brothers zu sehen war, macht hier gewaltig Eindruck. Seine Rolle als Namensgeber des Theaterstücks fordert einiges vom Kleinen, das er aber sensationell meistert. Nicht umsonst hat Johnny Depp dafür gesorgt, dass der Junge bei seinem nächsten Film (Charlie and the Chocolate Factory) wieder an seiner Seite spielt.
Fazit: Mit Finding Neverland ist Marc Forster ein herzerwärmender Film gelungen, der die Zuschauer in eine Zeit entführt, in der man von Phantasie höchstens geträumt hat, sie aber nicht ausleben durfte. Der Weg vom leeren Skriptbuch bis zum vollständigen Theaterstück wird beeindruckend dargestellt, die Schauspieler sind Extraklasse und der Regisseur, von dem wir Schweizer ja stolz sagen, dass er "einer von uns" ist, hat mit diesem Film einen weiteren, grossen Schritt in Richtung Weltkarriere gemacht. Ich war absolut berührt und auch wenn der Film zwischendurch ein bisschen harzt, weil so viele Sachen besprochen werden müssen, konnte ich das Kino in schöner Weihnachtsstimmung verlassen. Dazu gehört auch ein bisschen Kitsch, der aber meiner Meinung nach, hier gut und sparsam eingesetzt wurde. Toller Film.
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