Die fetten Jahre sind vorbei (2004)

Die fetten Jahre sind vorbei (2004)

Oder: Früher war rebellieren einfacher

Die fetten Jahre sind vorbei

Die Erziehungsberechtigten waren da

Die zwei Taugenichtse Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) machen sich in Berlin ihr Wissen über das Funktionieren von Alarmanlagen zu nutze und brechen in Villen ein, während deren Besitzer abwesend sind. Geklaut wird nicht. Nur umge- und verstellt - Stereoanlagen in Kühlschränke, Porzellanfiguren in die Toilette und dergleichen. Zwei Nachrichten werden jeweils hinterlassen: Entweder "Die fetten Jahre sind vorbei" oder "Sie haben zuviel Geld" unterzeichnet, "die Erziehungsberechtigten". Statt dem gesellschaftlichen Umsturz soll ein Umdenken erfolgen.

Peters Freundin Jule (Julia Jentsch) weiss von alledem nichts. Sie hat andere Sorgen. Hohe Schulden, verursacht durch einen Unfall in einem nicht versicherten Auto, zwingen sie, aus ihrer Wohnung auszuziehen. Will sie die Kaution dafür nicht ans Bein streichen, muss die Wohnung in bestem Zustand abgegeben werden. Als Peter nach Barcelona fährt, muss sie deswegen in Berlin bleiben und die Wohnung auf Vordermann bringen. Jan hilft ihr dabei.

Die fetten Jahre sind vorbei

Eskimoküsschen

Als Jan sie in das Geheimnis der Erziehungsberechtigten einweiht, sieht Jule darin die Chance Hardenberg, dem Manager dem sie das viele Geld schuldet, eins auszuwischen. Spontan dringen Jule und Jan, der sich langsam aber sicher in Jule verliebt, in die Villa ein. Sie kommen sicher wieder raus. Doch am nächsten Morgen merkt Jule, dass sie ihr Handy verloren hat...


Kinofilm-Rating

Macht Joschka Fischer etwas falsch, wenn er nach den Strassenkämpfen von früher, heute den Mächtigen dieser Welt Aug in Aug gegenübersitzt, und sich gleichzeitig mit einer Frau umgibt, die seine Tochter sein könnte? Ist eine Welt, in der man Miete zahlen muss, im Bus eine Fahrkarte lösen sollte und für den Schaden, den man verursacht, selber aufkommen muss, wirklich so ungerecht? Ist revoltieren gegen die Weltordnung kindisch?

Zugegeben, es gab mal eine Zeit, da waren Revolutionen noch einfacher anzuzetteln. Haare die über die Ohren hingen, oder ein paar Jeans reichten schon. Heute ist alles erlaubt und jeder soll doch machen, was er will. Widerstand ist zwecklos geworden, und Jugendbewegungen sind schnell kommerzialisiert. Was tun also, wenn man trotzdem Teil einer Jugendbewegung sein möchte. Richtig, das ganze Jahr hindurch Schulsilvester in fremden Wohnungen feiern und dabei von der Weltrevolution träumen. Nur ja nicht mit den Mächtigen das Gespräch suchen, die werden schon früh genug selber drauf kommen, dass das System morsch ist, wenn die Ordnung in den eigenen vier Wänden durcheinander gerät. Sowas ist nicht innovativ sondern einfach nur naiv. Mit Sprüchen wie "Jedes Herz ist eine Revolutionszelle" kann man nur noch in der Oberstufe punkten. Wer sich seit dieser Zeit nicht verändert hat, wie das Die Fetten Jahre sind vorbei fordert, wird wahrscheinlich auch an der politischen Message des Films seine Freude haben.

Nur als Film betrachtet, ist er ganz nett anzusehen. Daniel Brühl-Fans sehen sowieso in allem, was er auf der Leinwand macht, eine Offenbarung. Die Jule sieht ein bisschen aus wie Fiona Hefti, die amtierende Miss Schweiz, und wenn die zwei in einem Pool rummachen, ist das immer für ein paar gute Bilder gut. Atmosphärisch schwankt der Film zwischen Anspannung und komödiantischen Elementen. Er bietet auch einen tollen Soundtrack. Für das politische im Film bin ich aber vielleicht schon zu alt und gesättigt. Ich stelle zum Beispiel mit Schrecken fest, dass ich je länger je lieber die NZZ lese und mit dem Konzept von Hausschuhen habe ich mich auch schon angefreundet. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir ob all der tobenden Glückwunschbekundungen an Regisseur Hans Weingartner im Netz nur die Augen reiben kann. Die Fetten Jahre sind vorbei prangert vieles an, lässt aber die arrivierte Gegenseite nur stammeln. Revoltieren ist wirklich nicht einfacher geworden. Es bleibt irgendwie kindisch.

4.6 Sterne
4.6 Sterne (55 Bewertungen) | 11 Kommentare

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04.12.2004 / rm