Le chiavi di casa (2004)

Die Hausschlüssel

Le chiavi di casa (2004) Die Hausschlüssel

Oder: Besser spät als gar nie.

Le chiavi di casa

"Was guckst du?"

Alberto (Pierfrancesco Favino) und Gianni (Kim Rossi Stuart) sitzen zusammen in einem Bahnhofcafé und unterhalten sich über Paolo (Andrea Rossi). Während Alberto sich mit Paolos Tante die letzten 15 Jahre um den behinderten Knaben gekümmert hat, wird Gianni seinen Sohn heute zum ersten Mal sehen. Er soll den Jungen in eine Spezialklinik nach Berlin begleiten. Etwas besorgt versucht Gianni mehr über seinen handicapierten Sohn zu erfahren, doch Alberto beruhigt ihn: "Er konnte zwar erst mit sechs Jahren laufen und hat Mühe sich zu artikulieren, aber er ist ein prächtiger Junge, so prächtig, dass du ihn eigentlich nicht verdienst."

Am nächsten Morgen wechseln Vater und Sohn die ersten Worte im Speisewagen des ICE nach Deutschland. Gianni weiss zu Beginn nicht so recht, wie er sich in dieser ungewohnten Situation zu verhalten hat, trotz all der Mühe die er sich gibt. Paolo dagegen kennt keine Berührungsängste und verlangt vom neuen Papa gleich mal, ihm beim Toilettengang zu assistieren. Mit seiner kindlichen Neugier und der ständigen Fragerei gelingt es Paolo schnell das Eis zu schmelzen, und die beiden finden immer mehr zueinander.

Le chiavi di casa

"Hände hoch!"

Doch die neue Vater-Sohn-Idylle wird durch die triste Klinikwelt auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Als Gianni die ständigen Untersuchungen nicht mehr mit ansehen kann und sich an ein Fenster flüchtet, lernt er Nicole (Charlotte Rampling) kennen, die ihrer schwerstbehinderten Tochter bei deren Therapie zur Seite steht. Die reife Frau führt ihm vor Augen, was es heisst, sich bis zur Selbstaufgabe ein ganzes Leben um sein Kind zu kümmern, mit all den Schattenseiten, die schlicht dazugehören. Bedrängt von den Schuldgefühlen jenes Tages, an dem er einfach davonlief, beschliesst er wenigstens jetzt für seinen Sohn dazusein.

Um seinem Sohn die qualvollen Bewegungstherapien zu ersparen, kommt er nicht mehr mit ihm in die Klinik und nimmt ihn stattdessen auf eine Reise nach Norwegen mit. Dort wollen sie Kristine besuchen. Paolo hat eine Fotografie von ihr in seinem Tagebuch und sagt, dass er dieses Mädchen später mal heiraten will, obwohl er sie noch nie gesehen hat.

Der Trip tut den Beiden gut, sie haben viel Spass und schmieden grosse Pläne für die Zukunft. Aber bald kristallisiert sich heraus, dass trotzdem alles nicht alles so einfach ist, wie sie sich das vielleicht wünschten.


Film-Rating

Regisseur Gianni Amelio schildert uns mit solidem Handwerk die Geschichte zweier Personen, die über Nacht gezwungen sind für einander in Rollen zu schlüpfen, die sie nie innehatten. Amelio verzichtet vollkommen auf ästhetischen Schnickschnack und fokussiert sich stattdessen vollkommen auf das Zusammenspiel seiner Protagonisten.

Dass dies funktioniert, ist hauptsächlich das Verdienst der drei Hauptdarsteller: Kim Rossi Stuart verkörpert den etwas unsicheren und überforderten Gianni, der glaubt seine früheren Sünden wiedergutzumachen, indem er seinen Sohn zu sich holt. Man ist sich nie sicher, ob seine Vatergefühle echt sind, oder ob er das Bedürfnis hat, so fühlen zu müssen. Andrea Rossi spielt den lebensfrohen und neugierigen Paolo mit einem Enthusiasmus und Schalk, der beinahe ansteckend wirkt. Auch Charlotte Rampling macht eine sehr gute Figur, als gestandene, vom Leben gezeichnete Nicole, die ihr Dasein ihrer Tochter gewidmet hat. Manchmal voller Liebe über ihr Kind spricht, sich dann aber auch wieder mit leerem Blick fragt: "Warum stirbt sie nicht einfach?"

Genau hier liegt die Stärke des Films: Nicole ist zwar erfüllt von ihrer Lebensaufgabe, aber irgendwie auch daran zerbrochen. Sie ist nicht wie in anderen Filmen ein Übermensch ohne Fehl und Tadel, sondern hat auch ihre Abgründe. Dies gilt auch für den behinderten Paolo, denn sein blindes Zutrauen allen Menschen gegenüber ist erstens ein Problem und zweitens kann sich Gianni nie sicher sein, ob er wirklich eine tiefere Beziehung zu ihm aufgebaut hat. Die Aufgabe, ein behindertes Kind grosszuziehen, wird nicht verklärt, sondern bleibt, was es ist, nämlich ein Unterfangen mit viel Verantwortung und Zeitaufwand, Geschenk und Bürde zugleich. Gianni erhält im Film nur eine kleine Ahnung davon.

Mit der Bildsprache geht Amelio aber etwas gar trocken und konservativ vor, so dass der Film zuweilen unspektakulär und fast langweilig ist. Deshalb reichts knapp nicht für vier Sterne.


OutNow.CH:

Bewertung: 3.53.5

 

19.02.2005 / mazemaster

Community:

Bewertung: 3.5 (3 Bewertungen)

 

 

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