Alexander (2004)

Alexander (2004)

Oder: Wenn einer zu lange bei Mama wohnt

Alexander

Touch me, touch me, I wanna feel your body

Vor langer Zeit wurde in Makedonien ein Junge zur Welt gebracht, der sich später zum Herrscher der Welt entwickeln sollte. Als Sohn einer fanatischen und exotischen Mutter (Angelina Jolie) und eines ungeliebten, aber tapferen Vaters (Val Kilmer) entwickelt sich Alexander (Colin Farrell) vom schmächtigen kleinen Jungen zum starken Eroberer.

Als sein Vater stirbt, wird er umgehend zum König von Makedonien gekürt und sammelt sich ein Heer von -zig tausend Männer um sich, um den Osten zu erobern. Er unterwirft die verschiedenen Stämme seines Reiches und dehnt seine Reise weiter aus. Innerhalb von 8 Jahren kämpft er sich durch Persien und Indien und erobert praktisch die ganze, damals bekannte Welt.

Alexander

*aaaaaah*

Babylon, das Zentrum der Welt, dient ihm als Wohnsitz, den er nicht braucht, da er immer weiter in den Osten vordringen will. Das Ende der Welt ist das Ziel des inzwischen mehr gehassten, denn geliebten Königs.

Alexander

Ein Objekt der Begierde

Die Gefolgschaft ist es leid, immer wieder zu kämpfen. Die Männer wollen heim zu ihren Frauen und Kindern. Die exotischen Menschen verlieren ihren Reiz und nur noch eine Handvoll Männer steht bedingungslos zu ihrem König. Die einen sind Alexander sogar noch ein bisschen näher gestellt, was mehr als einmal andeutet, dass der grosse Eroberer durchaus Gefallen an jungen Männern fand.

Im Alter von 33 Jahren stirbt Alexander der Grosse, geschwächt und krank. Dies ist seine Geschichte. Die Geschichte eines Kriegers, eines Feldherrn, eines Strategen, eines Königs. Oder einfach, diejenige eines Mannes, der die Bürden seines Vaters nie überwinden konnte und der dem Einfluss seiner Mutter verfallen war.


Kinofilm-Rating

Auch dieses Jahr versorgt uns Hollywood mit einem historisch angehauchten Epos. Nach tollen Geschichten wie den römischen Gladiatoren von Ridley Scotts Gladiator und den schreienden Schotten aus Mel Gibsonss Braveheart lässt Oliver Stone Alexander den Grossen auf die Kinozuschauer los. Stone ist durch Perlen wie Platoon oder JFK bekannt geworden und Garant für anspruchsvolle Unterhaltung. Gespannt freuen wir uns also auf die epische Schlachten und Abenteuern in fernen Ländern. Doch die Ernüchterung folgt schnell: Alexander der Grosse ist kein Kriegsfilm. Oliver Stone möchte uns vielmehr die Persönlichkeit von Alexander näher bringen - und tappt dabei ins Fettnäpfchen.

Der Film beginnt mit Alexanders schwieriger Kindheit. Er leidet unter einer ehrgeizigen und verlassenen Mutter (Angelina Jolie), von der er während seiner Lebzeit nicht loskommen wird. Wegen dem schlechten Verhältnis zum strengen Vater (Val Kilmer), einem Trunkenbold und König Mazedoniens, hängt Alexander wie eine Klette an seiner Mutter. Diese freudsche Ausgangslage begründet Alexanders Homosexualität, die den Rest des Films dominiert. Als brutaler Herrscher und zugleich feinfühligen Feldherrn mit visionärem Gedankengut lässt Stone seinen Alexander durch die Weltgeschichte tanzen. In der wichtigen ersten Phase des Films, wo die Charaktere vorgestellt werden, macht Stone einen Anfängerfehler. Anstatt die Kindheit und Pubertät Alexanders filmisch - also mit Bildern - zu zeigen, lässt er den Erzähler Ptolemaios (Anthony Hopkins) den Grossteil der Geschichte über den jungen Alexander erzählen. Zu lange dauern die Passagen des Erzählens, zu kurz sind die Flashbacks zur eigentlichen Story. Eine Identifikation mit der Hauptfigur findet nicht statt. Aus der fehlende Identifikation wächst ein mangelndes Interesse gegenüber Alexander und somit dem Film an sich.

Beim Aufbruch in die fremden Länder findet man sich deshalb mit einem fremden, charakterlosen Alexander mitten in der Wüste wieder. Man kauft dem Muttersöhnchen seine Rolle als Grosser nicht ab und oft fragt man sich, wie es ein so konturloser Schlaffi zu Weltruhm brachte. Siege Alexanders, seine Gedanken und Visionen berühren den Zuschauer nicht. In den Schlachten leidet man nicht mit, zu fern ist die Distanz zur Hauptfigur, zu pompös das Ganze Drumherum, in dem sich Stone verzettelt. Im Kinosaal macht sich ein Gähnen breit. Obwohl sich Colin Farell als Alexander bemüht, dessen sensible Seite zu zeigen, empfindet man kein Mitgefühl. Das psychologische Portrait von Alexander dem Grossen erlebt erst in der zweiten Hälfte des Films an Aufwind. Aber die ganze Inszinierung wirkt zu aufgesetzt, was nicht nur an Farells grässlichem Haarschnitt liegt.

Stones Drehbuch hat bestimmt einen interessanten Ansatz. Wer vermutet hinter einem Herrscher mit solcher Grösse schon eine träumerischen jungen Mann. Zu sehr reduziert sich das Thema aber auf Alexanders Homosexualität. Der Versuch eine Symbiose zwischen den zwei Seiten Alexanders, dem Feldherr und dem sensiblen Visionär, gelingt Stone nicht. Stone hätte sich vor dem Dreh überlegen sollen, ob er einen Historienfilm oder ein psychoanalytisches Portrait drehen will. Alexander will beides sein, ist aber nichts davon wirklich.

Wer einen Schlachtenepos erwartet, wird enttäuscht. Gerade zwei Schlachten sind im Film zu sehen. Filmtechnisch wurde bei Gladiator abgekupfert, ohne allerdings dessen Niveau zu erreichen. Ist es die fehlende Sympathie zu Alexander und seinen Kampfgefährten, der schlechte Schnitt oder die Musik von Vangelis, die der anfliegenden Dramatik der Kampfszenen gleich wieder die Luft abdreht? Es ist ein Jammer, was aus den aufwendig inszenierten Szenen in der Nachproduktion gemacht wurde.

So kann's kommen, wenn ein Grosser noch grösser sein will. Im Falle von Alexander wäre weniger mehr gewesen.

2.9 Sterne
2.9 Sterne (121 Bewertungen) | 41 Kommentare

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30.12.2004 / muri (Inhalt), matthi (Rating)