Agnes und seine Brüder (2004)

Agnes und seine Brüder (2004)

Oder: German Beauty

Agnes und seine Brüder

Hans-Jörg ist abgelenkt

Drei Geschwister, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Der notgeile Bibliothekar Hans-Jörg (Moritz Bleibtreu) hechelt den Miniröcken der Studentinnen nach, wenn er nicht gerade in Therapie ist, um seine Sexsucht zu heilen, der er aber meist alleine mit übermässigem Pornokonsum fröhnen muss. Sein Bruder Werner (Herbert Knaup) kämpft als Politiker erfolgreich für die Einführung des Europäischen Dosenpfandes. Daheim in seiner Villa hat Sohn Ralf aber eine innigere Beziehung zum privaten Hanffeld als zum Vater und seine Ehefrau Signe (Katja Riemann) lässt ihn auf der Couch schlafen, während sie mit Schlafmaske und Wohlfühltapes im Ehebett glücklich wird. Agnes hingegen lässt sich als Tänzerin durchs Nachleben treiben, was ihrem Lebensabschnittpartner sehr missfällt, der lieber hätte, wenn sie im abends, was zu Essen machen würde.

Sie alle verbindet die Hassliebe zu einem Mann, der ihr Leben entscheidend geprägt hat - ihr exzentrischer Vater. Eines Tages holt eins der Geschwister zum grossen Befreiungsschlag aus...


Kinofilm-Rating

Aus welchem Grund sollte man Meisterwerke noch einmal drehen? Gewisse Geschichten funktionieren immer und überall, könnte man sagen. Sie werden deshalb in verschiedenen Zeitepochen oder in unterschiedlichen Ländern erzählt. Immer wieder verpflanzen die Amerikaner Erfolgsfilme aus allen Herren Ländern in nordamerikanische Gefilde. (Das jüngste Beispiel: Shall we Dance? mit Richard Gere und J.Lo.) Der Deutsche Oskar Roehler dreht den Spiess um. Agnes und seine Brüder ist kein 1:1 Remake vom Meisterwerk American Beauty, aber die Ähnlichkeiten sind frappant. Und zumindest eine Szene ist fast bis ins Detail kopiert. Das sollte erlaubt sein, könnte man denken. Warum nicht die deutsche Gesellschaft satirisch ausloten? Noch ist nicht alles wie in Amerika und an Gastauftritte von Till Schweiger oder Kelly Trump und Figuren mit Namen Signe, Günther oder Hans-Jörg könnte man sich im schlimmsten Fall gewöhnen.

Wie in der Familie von Agnes stimmt aber so einiges nicht in diesem Film. Die Fehlbesetzung von Moritz Bleibtreu ist der erste Fehler in einer ganzen Reihe von Unstimmigkeiten. Bleibtreu nimmt man den verklemmten, sexsüchtigen Bibliothekar nie ab. Der Mann ist zu sexy, als dass er bei den Frauen eine so schlechte Falle machen würde, trotz Hochwasserhosen und Watschelgang. Die Geschichte von Agnes ist an der Haaren vorbei gezogen. Was am Anfang der zweijährigen Beziehung mit ihrem Ehemann(?) anders gewesen sein soll, als zu der Zeit, als wir sie als Zuschauer sehen, bleibt im dunkeln. Ebenso die Motivation für ein unglaubwürdige Wiedersehen bei einen Kaffee mit einem schwulen Designer, der sie zur Geschlechtsumwandlung getrieben haben soll. Einzig die Episoden in Werners Einfamilienhaus können zeitweise überzeugen. Aber auch dort ist nicht alles stimmig. Der zweite Sohn der Familie ist nur Staffage. Der Erstgeborenen muss der Videofilmer sein, weil es auch einen in American Beauty gab.

Natürlich sollte Satire überspitzen. Agnes und seine Brüder übertreibt aber statt zu überspitzen. Die Unibibliothek, in der Bleibtreu als Hans-Jörg arbeitet, würde locker die alljährliche Playboy-Umfrage der most sexy Uni gewinnen. Soviele Frauen im Minirock gibt's nicht mal am Start eines Formel 1-Rennens. Beim "Zimmer neu streichen" kommt Hans-Jörg ins Schwitzen, als hätte er alleine eine Hektare tropischer Regenwald mit einer Axt in fünf Minuten abgeholzt. Satire darf alles. Muss sie deswegen auch alles zeigen? Agnes und seine Brüder behauptet bildlich, dass es Leute gibt, die bei wichtigen Telefonaten im Büro, lieber kurz auf ein Blatt Papier scheissen, als dass sie es unterdrücken. Wenn solche Dinge die Entwicklung der Figuren voran treiben würden, könnte man damit leben. Es sind aber nur Scherze am Rande.

American Beauty beobachtete nur und versuchte nicht, zu erklären. Im deutschen Versuch muss die schlimme Kindheit als Grund für die gescheiterten Existenzen herhalten. Schlimmer noch, der böse Vater ist ein grauhaariger Grossstadt-Rambo in Combatpants, der natürlich ein grosse Waffensammlung hat. Die amerikanischen Figuren blieben in ihrer Lächerlichkeit immer zumindest annähernd real. Man hatte das Gefühl, dass es solche Menschen tatsächlich gibt. Regisseur Roehler gönnt Agnes und seinen Brüdern nicht mal ein glaubwürdiges Filmende.

3.5 Sterne
3.5 Sterne (14 Bewertungen) | 6 Kommentare

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12.10.2004 / rm