Accordion Tribe (2004)

Accordion Tribe (2004)

Oder: Akkordeonisten on Tour

2002 begeben sich die fünf Akkordeonisten Guy Klucevsek (USA/slowenische Wurzeln), Lars Hollmer (Schweden), Maria Kalaniemi (Finnland), Bratko Bibic (Slowenien) und Otto Lechner (Österreich) zum zweiten Mal auf Konzerttournee.

Accordion Tribe

Zieh die Harmonika...

Der blinde Otto Lechner mit seinem spitzbübischen Witz und der Kompliziertheit eines Österreichers, bringt einem immer wieder zum lächeln. Sei es weil er sein ziemlich ramponiertes Akkordeon gleich auch zur Perkussion verwendet oder wenn er Anekdoten aus seinem nicht immer leichten Alltagsleben erzählt. Zum Beispiel kann er neue Kompositionen nur übers Gehör erlernen, und so ergeben sich oft überraschende Momente. Ganz ausgeprägt ist seine Stimme, die er einmal wie eine Maultrommel einsetzt oder dann wie ein Didgeridoo.

Accordion Tribe

... quetsch den Balken.

Guy Klucevsek geht zurück in die Stadt, in der er aufgewachsen ist und studiert hat. Er zeigt in welcher Schule er das Akkordeon gelernt hat. Seinem Lehrer spielt er einen ihm gewidmeten Walzer vor. Auf Porträts im Hintergrund kann man sehen, welch grosse Akkordeon-Orchester es einmal gegeben hat (Das war in der Schweiz nicht anders.) Früher hat man aber vor allem arrangierte Musik aus der Klassik gespielt. In seiner Familie, die ursprünglich aus Slowenien stammte, wurde die Polkamusik aus der Heimat der Verwandten gespielt. Aber der spätere Einfluss von Avantgarde und Minimal-Music haben seine Entwicklung geprägt. Er kommt im Film am längsten zu Wort, er war auch der Initiant des ganzen Accordion Tribe.

Bratko Bibic aus Slowenien trat in seiner Jugend mit dem Akkordeon als langhaariger Rockmusiker auf. Er wollte nie in die Sparte Oberkreiner gedrängt werden. Bratko kann nicht untätig warten. Er nutzt die Zeit zwischen Soundcheck und dem Auftritt immer zum Üben. Otto Lechner macht sich über ihn lustig, indem er ihm nachsagt, dass er immer, fast wie ein Volkswagen, übt und übt und übt.

Lars Hollmer spielt an den Konzerten auch die Melodica. Das gibt dem Quintett nochmals eine neue Klangfarbe. Sie erinnert an Hirtenflöten. Auch er war in seiner Jugend eher ein Rebell mit seinem Akkordeon. Er wollte nicht in der angestammten Tradition spielen. Aber durch seinen Stil hat er die Volksmusik individuell weiterentwickelt.

Maria Kalaniemi ist die einzige, die auf einem Knopfgriff-Akkordeon spielt. Sie wirkt eher schüchtern und zurückhaltend. Sie gesteht, dass ihr am Anfang die Musikstile der anderen Vier nicht gefallen haben. Sie gibt aber sehr viel von ihren Gefühlen preis. Am Schluss spielt sie von einer Sängerin begleitet an einem Sein - ein sehr beseelter Augenblick.

Der in Deutschland geborene Schweizer Regisseur Stefan Schwietert begleitet die zusammengewürfelte "Bande" auf einer Reise durch Europa. Stimmungsbilder der Landschaft, im Norden mit Kargheit, Kälte, Eis und Schnee und im Süden mit Licht, Sonne und üppigen Feldern werden gekonnt mit ungewohnten Klängen des Akkordeons untermalt. Wie Schwietert selber sagt, kannte er die Handorgel nur aus dem Radio.


Kinofilm-Rating

Accordion Tribe ist ein berührender Film über 5 Akkordeonisten, die in Porträts viel über Gefühle bei der Musik auf der Handorgel preisgeben, und die Stefan Schwietert in seinem Film ins rechte Licht gerückt hat. Die Bilder der Zusammenkunft im Haus des Schweden Lars zum Vorbereiten der CD-Aufnahmen und der Konzerttournee begleiten durch den ganzen Film. Sei es wegen der Landschaftsbilder oder den ungewohnten und teils überraschenden Töne, die den "Quetschkommoden" entlockt werden, bleibt der Film immer spannend.

Einige technische Details werden in diesem Film auch genannt. Nur eines sei herausgehoben: Der Balg. Er macht den Unterschied zum Klavier aus, kann man dem Akkordeon dadurch doch Leben und Bewegung einhauchen.

Als aktive Akkordeonspielerin in einem grossen "Handorgelklub" (wie er in der Schweiz immer noch genannt wird) bin ich sehr begeistert von diesem Film. Vielleicht weckt er in einigen Kinogängern die Lust auch Konzerte guter Orchester zu besuchen. Ein bisschen habe ich auch die Hoffnung, dass das Akkordeon dadurch auch wieder zu einem Instrument wird, das sich lohnt zu erlernen.

4.0 Sterne
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18.11.2004 / Mother