Torremolinos 73 (2003)

Die Torremolinos Homevideos

Torremolinos 73 (2003) Die Torremolinos Homevideos

Oder: Las Noches de Boogie

Torremolinos 73

...und Action!

Das gerade begonnene Zeitalter des Teleshoppings fordert sein erstes Opfer. Der Hausierer Alfredo Lopez (Javier Cámara) hat bei den täglichen Touren durch anonyme Hochhaussiedlungen grösste Mühe, in Leder gehüllte Enzyklopädien unter die Leute zu bringen. Auch Alfredos Verlagsleitung kann den Einbruch bei den Direktverkäufen nicht mehr kampflos hinnehmen und sucht nach neuen Geschäftsstrategien. Fündig wird man in Dänemark. Dort verkaufen sich wissenschaftliche Filme über das Paarungsverhalten in fernen Ländern bestens. Eine Videoenzyklopädie mit einem wöchentlich beigelegten Super 8 Film soll die spanischen Exporte nach Skandinavien ankurbeln. Der Clou: Vor und hinter der Kamera agieren dabei die sowieso bald arbeitslosen Hausierer und ihre Ehefrauen.

Torremolinos 73

Die Badekappe bleibt aber auf

Bald werden Alfredo und seine Carmen (Candela Peña) in einem eigens einberufenen Workshop in ihr neues Betätigungsfeld eingeführt. Unter kundiger Anleitung eines dänischen Profiregisseurs und seiner "Muse" entpuppen sich die beiden bünzligen Spanier als Naturtalente. Eine ganze Reihe von Sexfilmchen Marke Do-it-yourself entsteht und schon reicht das Geld bei den Lopez sogar für einen Pelzmantel. Doch sowohl Alfredo als auch Carmen haben noch grössere Lebensträume. Er will den ultimativen Film in der Tradition seines erklärten Vorbilds Ingmar Bergmans machen. Sie wünscht sich nichts mehr als eigene Kinder. Als eine dänisch-spanische Grossproduktion im Küstenort Torremolinos gedreht werden soll, scheinen beide Träume greifbar nah.


Kinofilm-Rating

Vor Jess Franco und Konsorten ab Mitte der Siebziger Jahre war Spanien in Sachen Erotikfilm kein allzu heisses Pflaster. Das behauptet zumindest Regisseur Pablo Berger in den Presseunterlagen zu seinen Film. Nur ein Streifen soll eine unvergleichliche Popularität erlangt haben. Fern von der iberischen Halbinsel zwar, aber was für den Propheten im eigenen Land nicht funktioniert, muss wohl auch für den Pornographen gelten. "Torremolinos 73" hiess der Sexfilm, der als "Die Abenteuer und Unglücke einer geilen Witwe" in Dänemark für Zuschauerandrang sorgte wie hierzulande die Oswald Kolle-Filme.

Se non è vero, è ben trovato. Ob es diesen ominösen Film wirklich gegeben hat, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Die fast allumfassende Internet Movie Database weiss von nichts. Ob nun fiktiv oder nicht, die Entstehungsgeschichte hinter diesem fast verschollenen Werk des erotischen Films erzählt Torremolinos 73 auf amüsante Art und Weise, indem er den Weg des Spiessbürgers Alfredo Lopez zum Kultregisseur wider Willen nachzeichnet. Wie könnte es anders sein, beginnt auch diese Karriere im Pornobusiness mit Geldsorgen. So werden sogar die prüdesten Zeitgenossen, die sich beim Kinobesuch zum "Letzten Tango in Paris" auf ein Musical freuen, schnell einmal zu Schmuddelfilmern. Doch wer als Hausierer schon mit unstoppbarer Einsatzfreude agierte, der hantiert auch gerne mit dem gratis zur Verfügung gestellten Kamera. Schliesslich dient die Filmerei der Wissenschaft - und das Kunstgewerbe wird auch noch gleich gestreift.

In detailgetreuem Ambiente lebt in Torremolinos 73 der Seventies-Groove wieder auf. Klotzige Fernsehgeräte und kotzige Tapetenwände inklusive. Hauptdarsteller Cámara überzeugt als Käsefuss-Spiesser von Beginn an. Aber es ist Candela Peña als seine ihm Angetraute, die am nachhaltigsten beeindruckt. Ihre olive-schwarzen Augen werfen den vielleicht traurigsten Blick der Filmgeschichte in die Kinosäle. Nur schon dafür sind die zahlreichen Darstellerpreise gerechtfertigt. Und dass es der Film drei Jahre nach dem Start in Spanien auch in die Schweizer Kinos schafft, ist nur zu begrüssen.

4.7 Sterne
4.7 Sterne (13 Bewertungen) | 0 Kommentare

55
14.05.2006 / rm