Miffo (2003)

Miffo (2003)

Oder: schwedisch für "Depp"

Miffo

"Miffo" begeistert jung und alt.

Tobias ist ein junger Pfarrer in Stockholm. Gerade zurück von der Uni in Uppsala drücken die Studienschulden und da wieder bei den Eltern einziehen nun wirklich keine Option ist, zieht er in ein Zimmer bei der Ex. Die Schäfchen in seiner bürgerlichen Kirchengemeinde sind nicht mehr die Jüngsten und könnten ruhig etwas zahlreicher sein. Überzeugt, dass der Glaube Berge versetzen kann, sucht er sich deshalb eine neue Stelle in Stockholms trostlosester Betonsiedlung und versucht dort, wo's die Leute nötiger haben, sein Kirchenschiff zu füllen.

Auf seinem depremierend verlaufenden Kreuzzug von Wohnblocktür zu Wohnblocktür trifft er die von den Beinen abwärts gelähmte Carola, eine junge Frau, die von der IV-Rente lebt und mit ihrer alkoholkranken Mutter zusammen wohnt. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Doch die Milieu-Unterschiede der beiden scheinen unüberwindlich.


Kinofilm-Rating

Kurz hintereinander kommen gleich zwei skandinavische Filme in die Schweizer Kinos über frisch gebackene Theologen, die sich am Rand der Gesellschaft Arbeit suchen. Der eine, In Your Hands, ist schwere Dogma-Kost, der andere, um den es hier geht, widmet sich auch harten Themen, hat aber mit Dogme 95 wenig am Hut. Die Kamera von Olof Johnson fräst in Carolas Rollstuhl mit oder guckt sich aus der Perspektive Gottes das Treiben auf der Erde an. Und vor allem obsiegt im Kampf der Tragik gegen die Komik das Lachen.

Im Grunde ist Miffo eine der altbekannten Schmonzetten: Arm liebt reich - dann wird es kompliziert. Pretty Woman war auch so ein Film. Doch durch seine schwedische Herkunft wird der Film ein bisschen mehr als einer über eine Liebe mit Hindernissen. Die Armen erzählen sich dreckige Witze und sind wie immer im Film ein bisschen glücklicher, als sie im richtigen Leben wären, aber das geschilderte Milieu ist dreckiger und drastischer gezeichnet als in amerikanischen Filmen. Und Paraplegiker-Petting ist "ennet dem Teich" sowieso Pfui.

Jonas Karlson gefällt sehr als der Pfarrer in der Identitätskrise am Beginn des "richtigen Lebens". Sein Schicksal als Jungtheologe erinnert manchmal an Edward Nortons Regiedebüt Keeping the Faith. Mit Wollmütze ähnelt Karlson dem amerikanischen Schauspieler sogar. Dass er während der Geschichte öfters leicht verwirrt handelt, ist jedem, der schon mal verliebt war, mehr als klar. Er kämpft gleichzeitig mit seinen Schmetterlingen im Bauch und gegen die kleinbürgerliche, "normale" Welt. Im Film wird die Leere, Langweiligkeit und Überheblichkeit der "Mittelschicht", aus der er auch kommt, immer wieder vorgeführt. Grösstes Entsetzen macht sich in Tobias' Gesicht bei den Darbietungen seiner eigenen Hochzeitsgesellschaft breit. In dem des Publikums dagegen ein befriedigtes Grinsen. Sofern man den Trailer noch nicht gesehen hat. Denn der verrät - diese klitzekleine Warnung muss hier sein - ein bisschen gar viel vom Plot.

Natürlich darf auch Livia Millhagen als Carola nicht unerwähnt bleiben. In ihrer ersten grossen Rolle, rollt sie sich mit dem Rollstuhl nicht nur in Tobias' Herz sondern auch in die Publikumspumpe. Nach einem kleinen Umweg über die Lachmuskeln, wohlgemerkt. Der Kassenschlager in Skandinavien wird sicher auch ein Publikumsrenner in der Schweiz. Regisseur Daniel Lind Lagerlof sagt, sein Film handle davon, seine eigene Rolle im Leben zu finden, aber vor allem ist es ein Film über die Liebe. Und damit beweist er, dass er kein Miffo ist. Das ist nämlich schwedisch für Depp.

4.3 Sterne
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20.10.2004 / rm