Kal Ho Naa Ho (2003)

Indian Love Story

Kal Ho Naa Ho (2003) Indian Love Story

Oder: Engel mit Herzfehler

Nach dem Selbstmord des Vaters hängt der Haussegen schief im Hause Kapur. Die böse Schwiegermutter versucht der Witwe die Schuld am Tod ihres Sohnes einzureden. Rettung naht in der Person des feschen neuen Nachbarn Aman Mathur (Shahrukh Khan).

Kal Ho Naa Ho

New York, New York *sing*

Erst gewöhnt er der Schwiegermutter zur Freude aller Anwohner im New Yorker Aussenquartier den Katzengesang ab, mit dem sie und ihre Freundinnen die Gebete zu untermalen pflegen. Dann hilft er dem gehbehinderten Sohnemann beim Basketball und schwänzelt sich mit seinem Charme in die perfekte Puppenfamilie des Adoptivtöchterchens. Als er auch noch dem Restaurant der Mutter dank indischer Küche samt passendem Ambiente wieder zu besserem Umsatz verhilft, ist der hilfsbereite Engel definitiv der Held der Familie.

Das bleibt auch der anfangs skeptischen älteren Tochter Naina Catherine Kapur (Preity Zinta) nicht verborgen, die sich bald nicht mehr hinter den Michael Porter Büchern versteckt, die sie für ihren MBA-Abendkurs zu lesen hat, und sich entscheiden muss zwischen dem Engel Aman und ihrem jungen, dynamischen aber bei Frauen unglaublich erfolglosen Studienkollegen Rohit (Saif Ali Khan).


Kinofilm-Rating

Mit Lagaan ist endlich auch das Schweizer Publikum auf den bollywood'schen Geschmack gekommen. Das neue Bedürfnis an Kinokultur möchte nun natürlich auch befriedigt werden. Die Auswahl an Filmen aus dem Subkontinent wäre an sich riesig. Indien produziert um die 900 Filme pro Jahr und stellt damit sogar den Filmoutput aus Südkalifornien in den Schatten. Dass ein indischer Film bei den Academy Awards den Oscar für den besten fremdsprachigen Film nominiert wird, ist aber noch nicht die Regel. Die Schweizer Verleiher gehen darum gerne auf Nummer sicher und importieren die Blockbuster von Karan Johar.

Johars erster Film hiess Kuch Kuch Hota Hai. Als Drehbuchautor und Regisseur zeichnete er sich damit 1998 verantwortlich für DEN Kinohit vom Himalaya bis nach Sri Lanka. Mit allen wichtigen indischen Filmpreisen überhäuft, übergab man ihm gerne die Verantwortung für den Nachfolger Kabhi Khushi Kabhie Gham.... Die teuerste Bollywood-Produktion aller Zeiten liess die Figuren aus Kuch Kuch auferstehen und vereinte Indiens Grandseigneur des Kinos Amitabh Bachchan zum zweiten Mal mit Shahrukh Khan auf der Leinwand. Jetzt ist sein neuestes Werk Kal Ho Naa Ho in der Schweiz zu sehen.

Der Reiz der Bollywoodmusical für Aug und Ohr der Schweizerinnen und Schweizer liegt nicht zuletzt in der Exotik der Schauplätze, den prächtigen Kostümen und dem ungewohnten Sing-Sang der Songs. Die Geschichten geben nicht viel her. Sie sind innerhalb des Genregrenzen meist fix und handeln von der Liebe in allen Variationen und der indischen Übermacht in allen Lebensreichen. Action- und Horrorfilme, die es in Indien sehr wohl auch gibt, wie man jedes Jahr am Festival du Film Fantastic in Neuenburg feststellen kann, kommen leider sehr selten nach Europa.

Durch die Verlagerung der Geschichte in Kal Ho Naa Ho nach New York City fehlt aber genau diese für die Europäer charmante Exotik. Die nasenstubsende Föhnfrisur mit Superstarformat Sharukh Khan ist wie immer der unverwüstliche Charmeur. Sein Auftritt im Schneegestöber, inklusive Schneeflocke aus dem Haar streichen, ist einer der Höhepunkte des Films. Singt und tanzt er aber Roy Orbinsons "Pretty Woman" im Panjabi-Mix vor dem amerikanischen Sternenbanner, erinnert das eher an einen Tommy Hilfiger-Werbespot als an Bollywood. Das indische Kamerateam muss tagelang am Times Square, im Grand Central Terminal und den Brooklyn Heights gefilmt haben. Leider für das Schweizer Auge vergebliche Mühe. Wir kennen diese Kulissen nur zu gut aus den amerikanischen Filmen. Wer auf wallende Sarees und Kurtas als visuelle Ersatzdroge hofft, muss bis zur Verlobung im letzten Drittel des Films warten. Dann sind die Protagonisten endlich "indischer" gekleidet.

Die Songs sind durchschnittlich. Ein richtiger Ohrwurm ist nur der Abschlusssong, aber der kann den Film dann auch nicht mehr retten. Wie in Bollywood üblich sind dann ja schon zweieinhalb Stunden an nicht so prickelnder Unterhaltung rum. Für ein Bollywood-Musical geradezu ärgerlich ist das dümmliche Disconümmerchen "I wanna Disco" oder so mit der beschwipsten Naina. Fast könnte Indien damit 12 Punkte holen am Eurovision Song Contest und das kann ja nicht die Absicht gewesen sein von Karan Johar. Ihm sei gesagt, er solle New York City Woody Allen, Spider-Man oder Carry Bradshaw überlassen. Die holen mehr aus der Stadt, die niemals schläft. Die Schweizer Verleiher sollten hingegen ein bisschen mehr Mut bei der Filmauswahl aus dem Subkontinent aufbringen. Damit man bald wieder mit den Bollywood-Figuren weinen kann und nicht das Produkt an sich zum Heulen finden muss. Dass es auch anders geht zeigt Cinedrome, die immer wieder auch Werke aus anderen Genres in ihrem Bollywood-Programm für Kenner haben.

4.7 Sterne
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11.07.2004 / rm