L'Histoire de Marie et Julien (2003)

L'Histoire de Marie et Julien (2003)

Oder: Gedanken zu einem speziellen Genre

L'Histoire de Marie et Julien

Wer tickt hier richtig?

L'Histoire de Marie et Julien ist nicht wirklich eine Geschichte. Zumindest habe ich nur Bruchstücke einer Story erkennen können. Ich muss deshalb hier mit Hilfe von www.dico.leo.org und meinem Hobbyfranz einfach mal den Text aus dem Presseheft übersetzen.

"Julien (Jerzy Radziwilowicz) ist 40 Jahre alt und Uhrmacher von Beruf. Seine Selbstmordversuche sind des Öfteren misslungen. Er entscheidet sich, Madame X zu erpressen, eine reiche, hübsche Frau. Wenn sie ihm alles über ihren heimlichen Antiquitätenschmuggel erzählt, verschweigt er im Gegenzug ihr gefährlichstes Geheimnis: die Verbindung zur erhabenen Marie (Emanuélle Beart), in die Julien sich vor einem Jahr verliebt hat und die nun zu Besuch bei ihm ist.

L'Histoire de Marie et Julien

Mir ist laaangweilig.

Maries Verhalten verwundert ihn. Trotz der Liebe, die sie ihm täglich ein bisschen mehr entgegen bringt, scheint Marie nicht in der Lage zu sein andere Gefühle zu empfinden. Worin wohl ihr zerstörerisches Geheimnis besteht?

Julien findet derweilen seine Lebensfreude wieder und ist zu allem bereit, um hinter das Geheimnis von Marie zu kommen und sie aus ihrem Zustand zu befreien. Er wird mit ihr soweit gehen, wie das ein Mann und eine Frau nur können. Dorthin wo es keinen Tod und kein Leben, keine Furcht und keine Hoffnung mehr gibt. An Orte, wo die grenzenlose Liebe, die "amour fou" der "enfants terribles", möglich ist."


Kinofilm-Rating

Wem es während der Inhaltsangabe noch nicht klar geworden sein sollte, l'Histoire de Marie et Julien von Jacques Rivette ist ein typischer Vertreter der tückischsten Gattung des Kulturbetriebs. Der heutige Chefdredaktor der "Welt" Roger Köppel nannte es 1998 in einem Essay im Tagi-Magi treffend das "Genre des Scheissfilms". Da ich es nicht besser ausdrücken könnte als er, werde ich mich grösstenteils an seine Formulierungen halten, um Histoire de Marie et Julien zu beschreiben. Laut Köppel erfüllt ein Scheissfilm grundsätzlich vier Kriterien:

- Symbolgehalt
- gewollte Langeweile
- Semidepressive Grundstimmung
- Ästhetik des Widerstandes

Symbolgehalt:
"Kein Scheissfilm ohne verborgene Bedeutungen". Auch in Histoire sind die Bilder voller Metaphern, Verweisen, Querbezügen und Verästelungen: Der Uhrmacher, der penibel justierte Uhren aus dem Takt bringen kann. Das Bimmeln des Halsbandes der Katze, der Morgenmantel von Marie, Julien beim Boden wischen und so weiter. Köppel: "Gerade weil die Geschichte so banal bleibt, bedarf sie zwingend der Erhöhung ins Geschraubte".

Gewollte Langeweile:
Symbolik alleine macht aber noch keinen schlechten Film. "Der Scheissfilm, geprägt von einem 'ungewöhnlich geduldigen Erzählstil', setzt auf die 'Aktivität der Zuschauer', die sich, sofern sie nicht vorher wegdämmern, zwangsläufig mit ihren eigenen Gedanken beschäftigen müssen" meint Köppel weiter und genau so ging es auch mir. Histoire dauert 2 Stunden und 25 Minuten!

Semidepressive Grundstimmung:
Köppel: "Es gibt keine humoristischen Scheissfilme, denn das Humoristische ist ihnen wesensfremd." Die Selbstmordversuche dreier Figuren von den total fünf Figuren, die in Histoire auftreten, sprechen für sich.

Ästhetik des Widerstands:
"Der Scheissfilm verweigert sich in einem politischen Sinne Systemen aller Art, und ästhetisch verweigert er sich den gängigen Inszenierungstypen". Unter diesem Deckmantel lässt sich dann so vieles verstecken: Wenn kein Schwein drauskommt, ist es ein Schlag gegen die Spiessermentalität verständlicher Geschichten. Die fehlende Story ist sicher auch bei Histoire gewollt. Nur Idioten stellen Fragen nach dem Sinn einer Handlung.

Wie schloss doch Köppel seinen Essay so schön. "Der Scheissfilm wird uns, das ist klar, bis auf weiteres begleiten." Einen Stern für Emmanuelle Béart. Ihre Schönheit macht den Film ein klitzekleines Bisschen erträglicher.

1.7 Sterne
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06.04.2004 / rm