The Corporation (2003)

The Corporation (2003)

Oder: Business as unusual

The Corporation

"Schweigen tut nicht allweg gut."

Unternehmen begleiten uns heutzutage auf Schritt und Tritt. Wir arbeiten für sie und beziehen Waren und Dienste von ihnen. Wir lassen uns von ihnen transportieren, unterhalten, ernähren und gesund pflegen. Als Aktiengesellschaften ist ihr oberstes Ziel, Gewinn zu erzielen. Wegen dieses Prinzips sind Grosskonzerne heute zu einem regionalen oder sogar globalen Machtfaktor geworden. So wichtig wie es früher nur Institutionen wie die Kirche oder die kommunistische Partei waren.

Dem war nicht immer so. Ihren Anfang nahm die Aktiengesellschaft in den USA als Einrichtung, die von der Öffentlichkeit beauftragt wurde, gewisse Funktionen, die Allen zu gute kommen, zu bewerkstelligen. Die "juristischen Person" wurde eingeführt, um Verhandlungen zu vereinfachen. Ebenso ermöglicht wurde durch diese Konzept aber auch das Abschieben von unerwünschten Konsequenzen der Transaktion zweier Parteien auf dritte.

The Corporation

Du kommst hier ned rein!

Wenn nun aber Unternehmen die gleiche Rechte wie natürliche Personen erhalten, sollte man auch ihre "Persönlichkeit" auf allfällige Störungen untersuchen lassen können. Die Diagnose gemäss einem weltweit akzeptierten Handbuch psychischer Störungen fällt eindeutig aus: Unternehmen handeln psychopathisch. Der Vergleich der wenigen faulen Äpfel im ansonsten schädlingsfreien Früchtekorb, der nach unternehmerischen Exzessen wie im Fall Enron immer gerne wieder gezogen wird, hinkt. Es ist das Unternehmen an sich, das mit seiner Kultur, Ideologie und Ikonographie Wahrheiten verschleiert, demokratische Rechte missachtet, moralische Skrupel überhört.


Kinofilm-Rating

Dokumentarfilme liegen im Trend. Der kommerzielle Erfolg von Fahrenheit 911 hat zur Folge, dass Schweizer Verleiher weitere Dokus der unterhaltsamen Art in die Kinos bringen. Pünktlich zum WEF machten die Yes Men Halt in der Schweiz. Mit The Corporation folgt nun eine weitere filmische Stimme im Aufschrei der Globalisierung-Gegner, die eigentlich schon 2003 Welturaufführung hatte und mittlerweile überall mit Publikumspreisen überhäuft wurde.

Das Erfolgskonzept funktioniert auch hier. Mit einem unterhaltsamen Mix aus TV-Bildern, Archivaufnahmen, Spielfilmausschnitten suchen Mark Achbar, Jennifer Abbot und Joel Bakan das einprägsamste Bild zum gesprochenen Text. Die Message ist, auch wenn von Professoren vorgetragen, leicht verständlich und immer populär. Insgesamt ist The Corporation aber seriöser als die Eskapaden aus The Yes Men. Die Legitimation erhält der Film durch Expertenmeinungen von rechts (Milton Friedman, Peter Drucker) bis links (Noam Chomsky, Naomi Klein). Aber auch CEOs, Journalisten, Historiker und Stimmen von ausserhalb der USA kommen zu Wort.

Aufgeteilt ist der Film in acht Kernthemen, die mit Bekenntnissen und Fallstudien serviert werden. Fast kein Problem das nicht dabei nicht gestreift wird: Genmanipulation, Arbeitsrechtmissachtungen, Umweltverschmutzung, die Macht von Medien und Werbung, seltsames Demokratieverständnis, Patente auf Lebewesen. Kennern der Materie werden einige Fälle bekannt vorkommen. Der Film wird durch die Fülle des Materials auch über zwei Stunden lang. Nur zu Beginn, beim Vergleich des Unternehmens mit einem Psychopathen, gibt es einen roten Faden. Danach wird es episodenhaft und der Film liesse sich dann leicht in kleineren Dosen aufteilen, für den Gebrauch im Unterricht zum Beispiel.

Nichtsdestotrotz warten die Macher von The Corporation immer wieder mit unglaublichen Begebenheiten auf, die den Zuschauer bei der Stange halten. Manche gar seltsamen Statements bleiben dabei unwidersprochen. Edwin Black z.B. behauptet IBM "half dabei, den Holocaust zu beschleunigen". Oder Michael Moore, der Doku-Superstar, ohne den kein US-kritischer Film mehr auszukommen scheint, darf behaupten, Fanta sei nur erfunden worden, damit Coca-Cola trotz Nahrungsmittelknappheit in Nazi-Deutschland immer noch Geld scheffeln konnte. Solche Aussagen werfen einen Schatten auf die restlichen Erkenntnisse. Zeigen aber auch, dass auch der noch so gut gemacht Dokumentarfilm einem das persönliche Nachdenken über das soeben gesehen nicht abnehmen kann.

5.0 Sterne
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13.07.2005 / rm