American Splendor (2003)
American Splendor (2003)
Oder: Doku-Soap-Comic?
Spider-Man, Daredevil, Harvey Pekar. Nein, der zuletzt Aufgeführte ist nicht etwa ein Vollkornmüsliproduzent aus Ohio. Auch er, genau wie seine beiden, zugegeben etwas prominenteren Kollegen, ist ein waschechter, astreiner Comic-Held. In der amerikanischen Undergroundcomicserie American Splendor kann man seine Geschichten lesen. Doch im Gegensatz zu Peter Parker, Matt Murdock, David Banner und ihren Kollegen gibt es Harvey Pekar wirklich.
Der depressive Harvey arbeitet als Aktensortierer in einem Spitalarchiv in Cleveland. Bereits zwei Scheidungen hat er über sich ergehen lassen und sein Leben wird von Traurigkeit und Leere bestimmt. Das einzige, was ihm noch Freude zu bereiten scheint, ist das Sammeln alter Jazzplatten. Eines Tages trifft er den Comiczeichner Bob Crumb (Fritz the Cat) und befreundet sich mit ihm. So kommt ihm die Idee, sich selbst als Comicautor zu versuchen. Zwar kann er überhaupt nicht zeichnen, doch Ideen für ein interessantes Comic-Heft hat er genug. Ideen aus seinem eigenen Leben.
So beginnt er ganz Alltägliches aufzuschreiben. Zum Beispiel das Problem im Einkaufszentrum die richtige Kassenschlange zu erwischen. Er hört auch seinen Mitmenschen zu und vernimmt so immer wieder witzige Gespräche, die er notiert und mit Strichmännchen zum Comic verarbeitet. Bob Crumb illustriert diese Textchen dann professionell und fertig ist die erste Ausgabe des American Splendor! Die findet auch gleich grossen Anklang in der Szene - so auch bei der Comicshop-Angestellten Joyce.
Bereits nach dem ersten Blinddate beschliessen die beiden Aussenseiter sofort zu heiraten. Doch Joyce weiss nicht, worauf sie sich eingelassen hat. So bringt sie Harveys manisch-depressive Art immer wieder zur Weissglut. Und als seine Popularität steigt wird es nur noch schlimmer. Gerade auf dem Höhepunkt seiner Karierre angekommen, wird Harvey von seinem Arzt Krebs diagnotiziert. Joyce, immer noch nicht von seiner Seite weichend, überredet ihn, die Krankheit und ihre Behandlung in einem American Splendor Heft zu veröffentlichen, um sie besser verarbeiten zu können...
Kinofilm-Rating
Von Kritikern hochgelobt, für einen Drehbuch-Oscar nominiert und mit Paul Giamatti und Hope Davis in den Hauptrollen ist American Splendor der erste Spielfilm der Dokumentarfilmer Shari Springer Berman und Robert Pulcini. Doch ganz verlassen haben sie den Dokumentarfilm noch nicht. Der Film ist gespickt mit kleinen Interviewszenen, bei denen der echte Harvey, die echte Joyce zu Wort kommen. Diese Gespräche wurden vor einem grellend weissen Hintergrund mit Digitalkamera aufgenommen um einen möglichst starken Kontrast zu den bräunlich eingefärbten Filmbildern darzustellen. So entsteht eine unglaublich spannende, originelle Erzählweise, die auch vor Trickfilmbildern zwischendurch nicht zurückschreckt.
Paul Giamatti ist einer dieser "Wo habe ich den denn schon gesehen"-Schauspieler. Saving Private Ryan, Doctor Doolittle, Planet of the Apes und Paycheck könnten einige Aha-Momente bieten. Doch nach der Glanzleistung und ersten Hauptrolle in American Splendor dürfte sein Marktwert gestiegen sein. Er schafft es, den unsympathischen Anti-Helden sympathisch zu machen, indem er ihm Eigenschaften verleiht, die wir alle haben und er uns mit seinem Verlangen nach Liebe und Geborgenheit einfach nur Leid tut. Auch Hope Davis (About Schmidt) überzeugt als schräge aber fürsorgliche Joyce, die gerne Kräutertee trinkt.
Die Geschichte als solches folgt dem typischen Drei-Akte Muster und ist nicht gerade spannend, eher vorhersehbar. Es sind die Menschen, die diese Geschichte bevölkern und die Art mit der sie erzählt wird, was American Splendor von anderen Biopics abhebt. Auch schafft die Inszenierung die Gratwanderung zwischen Leichtfüssigkeit und Melanchonie.
Doch der Film mit dem wunderbar jazzigen Soundtrack ist nicht perfekt. Seine Schwäche ist, wie so oft, der dritte Akt. Die Spannung flaut ab und die Sentimentalität nimmt zu als bei Harvey Krebs diagnostiziert wird. Kurt Felix und Paola kommen in den Sinn, was nie ein gutes Zeichen ist, oder? Diese letzten 20 Minuten können jedoch dem sonst durch und durch gelungenen Indie nicht viel schaden und sollen deshalb nur am Rand erwähnt werden. Nach der Visionierung dieses Filmes würde ich ja eigentlich auch gerne Momente aus meinem Leben in Comicform festhalten. Nur lesen würde es wohl keiner.
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4.6 Sterne (28 Bewertungen) | 8 Kommentare




