Solino (2002)

Solino (2002)

Oder: Ardore e passione

Solino

Mamma, dove siamo?

1964 verlässt die vierköpfige Familie Amato in der Hoffnung auf ein besseres Leben die apulische Heimat Solino, um in Duisburg, mit dem Geld des Vaters aus dem Bergbau, eine neue Existenz aufzubauen. Bald leidet Vater Romano am Dreck im Stollen, aber auch die Mutter Rosa findet das Gemüse sowohl in bezug auf Grösse und Auswahl zu mickrig. Der Entschluss, die erste Pizzeria im Ruhrpot zu eröffnen, fällt. Brot mit Tomate, wie der Vermieter verwundert fragt, wird zum Erfolg.

Solino

Er isch im Fall min Brüetsch.

Mit den Eltern kamen die beiden Jungs Gigi und Giancarlo nach Deutschland. Gigi, der sanfte und schlauere der beiden, träumt seit seiner Begegnung mit Starregisseur Baldi (Vincent Schiavelli) von einer Karriere beim Film. Immer wieder kommt er aber im Vergleich mit seinem stärkeren Bruder Giancarlo zu kurz.

10 Jahre später kommt Gigi ( Barnaby Metschurat) seinem Traum näher. Sein Film wird für ein Festival vorselektioniert. Er befindet sich aber in Apulien, wo er die kranke Mutter pflegen muss, die in die Heimat zurückkehrte. Giancarlo (Moritz Bleibtreu) soll ihm zur Hilfe eilen, damit er den möglichen Preis in Empfang nehmen kann...


DVD-Rating

Solino ist Fatih Akins erster Film, der auf fremden Ausgangsmaterial basiert. Das Drehbuch stammt von Ruth Thoma, die auch Erbsen auf halb Sechs und Liebesluder für Detlef Buck geschrieben hat. Ich verstehe, dass sich der Deutsch-Türke Akin für das Thema der Migration nach Deutschland, um die es in Solino oberflächlich geht, begeistern konnte. Schliesslich ist das auch zu einem Teil seine Geschichte oder besser die seiner Eltern. Aber italienische Katholiken mit einer auch für den mediterranen Akin fremden Kultur und Sprache sind nicht sein Ding und verhindern die gewollte Authentizität. Trotz den Bemühungen selber Italienisch zu lernen, scheitert er vor allem daran, dass eine richtige Auseinandersetzung mit dem Katholizismus, wohl nie statt gefunden hat. Die weiterführende Thematik, die des unerfüllten Lebenstraums und der Schuld und Sühne ihrerseits, ist zu simpel gestrickt.

Die Handlung, die sich über drei Epochen hinzieht, ist episodenhaft. Sie ist zwar durch die Darsteller verbunden, die im Falle der Eltern auf wundersame Weise nicht altern. Aber die Epochenwechsel machen aus Solino nur bedingt das Epos, das es gerne sein möchte. Richtig bewegend ist nur der Teil in den 60er Jahren, was eher an den Kinderdarstellern liegt als an der Geschichte. Die 70er bestehen hauptsächlich aus Drogentrips und die Heile Welt, darf in den 80ern vor der schönen Kulisse Apuliens verkündet werden. Schade um ein unverbrauchtes Thema, dass auch in der Schweiz interessieren würde und mit Azzuro auch nur unbefriedigend zum Thema gemacht wurde. Der bisher schlechteste Film in Akims Gesamtwerk. Er hat sich mit seinem ersten Kostümfilm übernommen.

Interessant ist Solino für Sibel Kekilli-Fans. Ich glaube, sie erkannt zu haben, in einer Szene, die man verpasst, wenn man blinzelt. Wer sieht, was sie spielt, nimmt die Mär von ihrer Entdeckung in der Einkaufspassage noch weniger ernst.

Die DVD hat zwei Sprachversionen zur Auswahl. Die bessere zweisprachige, die Akin als "sein Film" bezeichnet und die völlig unnötige nur deutsche, die als Armutszeugnis für das Synchronisationswesen im allgemeinen genommen werden kann. Mit den Händen fuchtelnde Süditaliener, die Deutsch sprechen sind einfach lächerlich. Wenn dann noch wichtige Teile der Handlung darauf basieren, dass die Charaktere eben kein Deutsch verstehen, ist es nur noch zum Haare raufen, dass die Familie Amato in Duisburg untereinander Deutsch spricht. Auch wenn Akin die Synchro selber überwacht hat, sollte man sich diese Fassung nur unter Zwang antun. Oder zum schmunzeln. Beim Bild hingegen gibt es nichts zu meckern.

Im Audiokommentar von Fatih Akin ist die Synchronfassung auch Thema. Ausserdem erfährt man, dass Akin Cinema Paradiso erstaunlicherweise noch nie gesehen hat. Er sieht den Film als Hommage an den Neorealismus. Mit ein bisschen mehr Glück hatte sogar Martin Scorsese mitgespielt. Und dass man ohne die Hilfe der Mafia in Süditalien keine Filme drehen kann, ist seit diesem Kommentar bewiesen. Fatih Akin redet auch von den 24 deleted scenes, die ebenfalls auf der DVD zu finden sind, die Moritz Bleibtreus Figur in einem besseren Licht hätten erscheinen lassen. Witzig sind die sieben Outtakes. Mit 44 Minuten äusserst lang ist das Making of "Being with Solino". In zwei Teile aufgeteilt, befasst es sich mit den Dreharbeiten in Deutschland und Italien. Überraschenderweise auch mit Szenen, die gar nicht im Film vorkommen. Interessant sind die Kostümprobleme in Süditalien (Wo krieg ich auf die Schnelle 80ies-Klamotten her?) und wer Fatih Akin gerne tanzen sieht, kommt mehrmals auf seine Kosten. Eine spezielle Erwähnung muss der äusserst gluschtige Teaser bekommen.

3.6 Sterne 5.0 Sterne
3.6 Sterne (13 Bewertungen) | 1 Kommentar

3.53.5
05.05.2004 / rm


DVD-Infos

DVD erschienen am 05.09.2003

  • Bildformat: 1,85:1 (anamorphic Widescreen)
  • Sprachen: Deutsch: Dolby Digital 5.1, Italienisch: Dolby Digital 5.1
  • Untertitel: Deutsch (nicht ausblendbar) für die zweisprachige Fassung
  • Extras: Audiokommentar von Regisseur Fatih Akin, Zweiteilige Dokumentation "Being with SOLINO", 14 geschnittene Szenen mit optionalem Audiokommentar von Faith Akin, Nicht verwendete Szenen, Teaser + Trailer, Kurzbiografien zu Stab + Besetzung