In The Cut (2002)

Aufschneider

In The Cut (2002) Aufschneider

Oder: Sally, Sex and the City (aber kein Harry)

Franny Avery (Meg Ryan) ist eine attraktive 40jährige, die an der New Yorker Uni Englisch unterrichtet. Sie schreibt an einem Slang-Wörterbuch und hat ein Faible für Poesie. Den Mann fürs Leben fand sie aber noch nicht. Ihre Halbschwester Pauline (Jennifer Jason Leigh) hat viele Männerbeziehungen und findet es eine Schande, dass eine so schöne Frau wie Frannie ohne Mann durchs Leben zieht.

In The Cut

Simulation war gestern...

Als Franny sich mit Cornelius (Sharrieff Pugh), einem ihrer Studierenden, in einer Bar trifft, überrascht sie auf dem Weg zur Toilette ein Paar beim Fellatio. Ausser das Tattoo auf der Innenseite seines Handgelenks, und ihre roten Haare kann sie die beiden nicht genauer erkennen. Die Frau wird später in Frannies Garten tot aufgefunden. Die beiden Detectives Molloy (Mark Ruffalo) und Rodriguez (Nick Damici) sind mit dem Fall beschäftigt. Sie involvieren Franny in der Tätersuche. Obwohl Molloy das gleiche Tattoo hat wie der mutmassliche Mörder, lässt sich Franny auf eine heisse Affäre mit ihm ein. Ihre grössten sexuellen Wünsche werden erfüllt, gleichzeitig ist sie sich nicht sicher, ob ihr neuer Bettgefährte es nicht auch anderweitig auf sie abgesehen hat...


Kinofilm-Rating

Der erotische Thriller kommt normalerweise auf der Nachtschiene von RTL2 zur Ausstrahlung. Spielt Shannon Tweed - die heimliche Königin des Genres - mit, ist diesen Filmen eine gewisse Qualität nicht abzusprechen. Meg Ryan kann es aber im neuen Film von Jane Campion 'In the Cut' schauspielerisch nicht einmal mit dieser vielbeschäftigen Aktrice aufnehmen. Als fahle Heulsuse hat sie wenig mit der Frannie aus dem Buch 'Aufschneider' von Susanna Moore zu tun.

Campions Ausflug ins Serienmörderfach erstaunt. Mit verwackelten Bildern, die nur halbwegs scharf sind, erzählt sie vom Liebesleben zweier Schwestern in New York, dass durch das Aufkreuzen von mehreren Männer durcheinander gebracht wird. Sie gibt 'Klute' und 'Taxi Driver' als ihre Vorbilder an. Der Thrillerplot mit der Suche nach dem Mörder erweist sich aber nicht als eine der Stärken der Neuseeländerin. Es ist zu voraussehbar, da im Film alles auf einen möglichen Täter hinweist. Bald einmal macht man sich auf die Suche, was die Handlung sonst noch an möglichen Bösewichten zu bieten hat - und wird dabei auch fündig.

Jane Campion liefert nach 'The Piano', 'Portrait of a Lady' und 'An Angle at my Table' einen weiteren Film über eine Aussenseiterin. Der Film hätte ursprünglich mit Nicole Kidman gedreht werden sollen. Sie musste aber, wegen ihrer anderweitigen Verpflichtungen abspringen. Doch konnte sie dem Film als Produzentin treu bleiben. Meg Ryan sprang ein und war sich sicher bewusst über die Konsequenzen, die eine solch freizügige Rolle mit sich bringt. Der Blick wird seine Leserschaft warnen und von 'Brutaloporno' schreiben. Soll das Boulevardblatt doch die Kontroverse anheizen, was ein Hollywood Schnuckelchen darf und was nicht. Es geht im Film tatsächlich explizit zur Sache. Der Pornovorwurf wird erhärtet mit Grossaufnahmen eines Schnäbis in Lippennähe und Szenen, in denen es Meg Ryan sich selber besorgt oder es ihr besorgt wird, ohne dass sie etwas vorzutäuschen hätte.

Obwohl der Film mit Blut nicht geizt, ist er in der Darstellung von Gewalt aber eher harmlos. Detective Malloy redet ausführlich übers Halsabschneiden, gezeigt wird aber nur die Sauerei, die dabei entsteht. Bei den drastischen Bildern fragt man sich, was die Damen Campion, Ryan und Kidman dabei gedacht haben, als sie die Novelle von Susanna Moore verfilmen wollten. Einem Interview zufolge, das Jane Campion anlässlich der Pressekonferenz zur Veröffentlichung des Films in London gab, will sie ein Forum bieten für die Trauer, in die sich moderne selbständige Frauen durch romantische Mythen bei der Suche nach ihrem Märchenprinzen treiben lassen.

Ryans Frannie ist tatsächlich weit entfernt von der romantischen Zweisamkeit von der ihre Mutter immer geschwärmt hatte, wenn sie jeweils erzählte, wie sich Mami und Papi schicksalhaft auf der Eisbahn getroffen haben. Diese verklärte Romantik ist tot. In Frannies Albträumen wird ihr der Garaus gemacht - dem riesigen Herz als Ausdruck der Mutterliebe und der Braut in Weiss, denen sie beiden in der Subway begegnet zum Trotz.

Diese Szenen kommen in der Buchvorlage nicht vor. Susanna Moores Novelle ist dafür noch expliziter und - ohne Happy End - konsequenter als der Film. Ausserdem kann das Buch die sprachlichen Finessen mit denen Frannie als Lehrerin tagtäglich konfrontiert wird, besser umsetzen. Ausser im Titel ist diese linguistische Auseinandersetzung mit dem New Yorker Slang im Film nur noch stümperhaft vorhanden. Man fragt sich, inwiefern die Autorin wirklich mitgeschrieben hat beim Drehbuch.

Mark Ruffalo gibt einen guten Detective Malloy ab. Kevin Bacon taucht auch auf. Warum wird nicht so ganz klar. Im Abspann dankt ihm Jane Campion auf jeden Fall besonders. Ausserdem blitzt die Klasse der Regisseurin auf, wenn sie die Zuneigung zwischen den beiden Halbschwestern mit der Kamera einfängt. Intimität ist nicht einfach darzustellen auf der Leinwand. Der Trailer ist zu empfehlen. Da hört man wenigsten Portishead. Im übrigen reicht es, wenn man die Novelle liest.

2.5 Sterne
2.5 Sterne (24 Bewertungen) | 8 Kommentare

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25.01.2004 / rm