Nacht der Gaukler (1997)
Nacht der Gaukler (1997)
Oder: Ene mene miste, was rappelt in der Kiste?
Klaus Koska (Pascal Ulli) lebt in einer streng vom Ministerium regierten, nicht mit Namen genannten europäischen Stadt, wo er sich seinen Lebensunterhalt als Revisor verdient. Jeder Tag gleicht dem vorgehenden: Aufstehen, mit Fräulein Merz (Ingrid Sattes), das im gleichen Haus wohnt, zur Arbeit schlendern und abends wieder nach Hause, um sich der Spieluhrensammlung zu widmen.
Doch eines Tages wird Koskas Leben komplett auf den Kopf gestellt: Er wird Zeuge des Mordes am beliebten Minister Horvath. Obwohl er vorbildlich versucht, seine Meldepflicht wahrzunehmen, muss er verzweifelt feststellen, dass ihm im Ministerium keiner glaubt. Der Justizminister Lubitsch (Hans-Peter Ulli) verfolgt währenddessen weiterhin sein Ziel, ohne Rücksicht auf Verluste Diktator zu werden. Doch dazu muss er erst Koska aus dem Weg schaffen. Es beginnt eine unermüdliche Jagd auf den jungen Revisor, der fortan nicht mehr weiss, wo er sich noch verstecken soll. Eines Tages findet Koska eine Kiste in seinem Wohnzimmer. Nichtwissend, wie diese dahin gekommen sein soll, ahnt er auch nicht, dass das Ziel dieser Kiste sein wird, Koskas Leiche aus der Wohnung zu transportieren.
Kinofilm-Rating
Es war spätabends, als M. ankam. Das schummrige Licht des Lichtspieltheaters wartete darauf, vollständig zu erlöschen, um Platz zu machen für das mittlerweile zum Kultfilm erkorene, oft als "kafkaesk" bezeichnete Werk aus den Neunziger Jahren. M. war stets vorsichtig mit dem Gebrauch dieses sich auf den Schriftsteller Franz Kafka beziehenden Begriffs. Die Erwartungen waren hoch, und M. freute sich insgeheim schon, den grossen Obrigkeiten und berühmten, manchmal nur durch ihren Namen ausgezeichneten, selbsternannten Kennern des Film Noir Paroli zu bieten und sich im Licht der intellektuellen Rebellion zu suhlen.
Das Licht erlosch und M. entspannte sich langsam. Der Versuch, sich vollständig aller Zweifel zu entledigen, gelang rasch. Zu sehr wurde M. von der Intensität der Interpretation des Protagonisten Klaus Koska durch den jungen Pascal Ulli in den Bann gezogen. Die Groteske des Gezeigten wurde durch genial platzierte Details zusätzlich hervorgehoben - das war M. sofort aufgefallen. Besonders die bewusst obskure Frisur der Figur der Marlene Merz, dargestellt von Ingrid Sattes, war als offensichtliches Instrument einer gewollt abstrakten Inszenierung auszumachen. In den Charakteren des Bösewichts Leo Lubitsch (Hans-Peter Ulli) und dessen Gehilfen Victor (Thomas Martin) meinte M. einen versteckten Seitenhieb auf das Gespann Burns/Smithers aus der Fernsehserie The Simpsons zu erkennen. Zu belegen war dieser Ansatz aber nicht, und so liess M. diesem inhaltlichen Bestandteil Raum für eine freie Interpretation.
Prinzipiell musste M. anerkennen, dass die naive Genialität, mit der dieses Werk daherkam, zu Gedanken inspirierte, die sich, dem Film ähnlich, in wirre Sphären zu verirren drohten.
Langsam wurde es fast unerträglich stickig im Saal - die anderen Besucher machten sich geräuschvoll bemerkbar: ein Husten, ein Seufzer, ein Laut der Verwunderung. Der Film war zu Ende. Nachdenklich zögernd erhob sich M. aus dem Sessel und machte sich - kleinlaut eingestehend, dass vermutlich kein treffenderer Begriff als "kafkaesk" für das gerade Gesehene zu finden sein würde - in der lauen, dunklen Spätsommernacht auf den Heimweg.
Fazit: Zu Nacht der Gaukler, dem Erstlingswerk von Michael Steiner und Pascal Walder, wurde schon das meiste gesagt oder geschrieben, und über den Film existieren die unglaublichsten Interpretationen. Dennoch zieht er die Zuschauer auch heute noch in seinen Bann. Kurz und bündig gesagt: eine angenehm abstrakte Bereicherung der Schweizer Filmszene. Ein Muss für Fans (und Kenner) des Film Noirs, das sich knapp 15 Jahre nach der Premiere, restauriert und akustisch überarbeitet, noch einmal neu erfindet.
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