Salò o le 120 giornate di sodoma (1976)
Die 120 Tage von Sodom
Salò o le 120 giornate di sodoma (1976) Die 120 Tage von Sodom
Oder: Einen McGaggi, bitte!
Der faschistische Marionettenstaat Salò ist dem Untergang geweiht. Mit unterhaltsamen Abendgesellschaften und wohlklingender Musik vertreiben sich dort die Herrschaften ihre Zeit. Aus Langeweile schmieden höhere Vertreter des zerbröckelten Regimes einen erschreckenden Plan: Junge Frauen und Männer sollen entführt werden, um die krankhaften Triebe der Herren zu befriedigen. Mit Waffengewalt werden die jungen Menschen in ein abgelegenes Anwesen gedrängt, wo sie dann nackt und völlig wehrlos den Machtspielchen der Faschisten ausgeliefert sind.
Der Herzog (Paolo Bonacelli), der Bischof (Giorgio Cataldi), der Magistratschef (Umberto Paolo Quintavalle) und der Präsident (Aldo Valletti) lassen sich von der unschuldigen Jugend unterhalten. Folter, Missbrauch und Entwürdigung müssen die Opfer über sich ergehen lassen. Die Ideen und Strafen für angebliche Verbrechen werden immer rücksichtsloser und gewaltiger, so dass bald erste Todesopfer gefordert werden.
DVD-Rating
Dieser Film wurde im Rahmen der Théatre morbide-Serie angeschaut. Deshalb gibt es auch keine Screenshots, sondern lediglich eine Behandlung des Filmes.
Wenn ein Regisseur kurz nach der Veröffentlichung seines Filmes ermordet wird, denkt man normalerweise nicht gleich an eine Verschwörung. Im Falle des Pier Paolo Pasolini sind bis heute nicht alle Details geklärt und Gerüchten zufolge könnte sein letzter Film Grund für seinen Tod sein. Der mit 53 Jahren verstorbene Dichter, Publizist und Regisseur hat in seiner Karriere unzählige Filme gedreht. Sein letztes Werk Salò gehört noch heute zum Kontroversesten, was die Filmgeschichte zu bieten hat.
Pasolinis letzte Arbeit basiert auf dem Buch "Die 120 Tage von Sodom", von Marquis de Sade. Nicht umsonst wurde der Begriff 'Sadismus' vom Namen 'Sade' abgeleitet. Denn Marquis de Sade hat nicht nur mit vielen Gefängnisaufenthalten für Aufsehen gesorgt, sondern auch mit einer Reihe von pornographischen und kirchenfeindlichen Romanen. Die zweite grosse Inspirationsquelle des italienischen Regisseurs war der Dichter Dante und sein wohl berühmtestes Werk "Commedia". Wie bei Dantes Inferno ist der Film in drei Teile eingeteilt: Höllenkreise der Leidenschaft, der Scheisse und des Blutes.
Wo beginnt Kunst und wo endet sie? Salò zeigt grundsätzlich nicht mehr, als es andere Filme vorher schon gemacht haben. Doch in diesen früheren Werken waren oft brutale Morde von Serienkillern oder spontane Vergewaltigungen Auslöser für Skandale. Pasolinis Figuren hingegen quälen und morden nach einem strikten Muster. Sie sind zudem überaus intelligent und verrichten ihre Taten mit viel Freude. Diese unfassbare Art und Weise des Genusses ist Schauspiel auf höchstem Niveau und gleichzeitig auch Ursache für die Kontroverse um Salò. Der Regisseur hat sich auch dafür entschieden den Zuschauer direkt mit Foltereien und Gewaltdarstellungen zu überhäufen. Es wurde auch absolut nichts im Off oder abgestumpft dargestellt. Das macht Salò zu einem auch sehr sperrigen Werk. Freunde des modernen Horrors werden hier bereits wegen der Machart einen Bogen um den Film machen.
Salò ist aber auch eine Kriegserklärung gegen die Kirche, gegen den Staat und vor allem gegen Autoritäten an sich. Da die gewaltausübenden Charaktere allesamt höhere Tiere des Staates sind und im übertragenen Sinn den kleinen Mann bestrafen, darf Salò hier auch als Metapher gesehen werden: Macht am falschen Ort sorgt für Unheil. Dass diese Metapher aber mit solch provokanten Bilder verstärkt werden muss, dient zwar der Kontroverse, nicht aber der Aussage. Salò stempelt sich so selbst als plakatives Monstrum ab, dass zwar viel Hintergrundwissen fordert, viel Interessantes untermalt wird, aber letztendlich bloss mit Sex, Kot und Blut zu schocken weiss.
Fazit: Pasolinis Inszenierung beinhaltet dieselben Mechanismen, die er eigentlich verteufelt. Grundsätzlich heisst das, dass Salò mit Gewalt und Missbrauch auf sich aufmerksam zu machen versucht, wobei genau diese Punkte Diktatur, Faschismus und Autorität im extremen Fall ausmachen. Ein Mittel zum Zweck, dass vielleicht nötig war, um dem Zuschauer diesen Hass bildgewaltig darstellen zu können? Dies sollte jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist: Salò ist einer der wirkungsvollsten und unverhülltesten Filme über Faschismus und Diktatur überhaupt.
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4.3 Sterne (18 Bewertungen) | 4 Kommentare

