Forum Movies - Reviews: Kino
Beitrag I'm Not There
I'm Not There oder: "I can accept chaos - but I'm not sure whether chaos can accept me..." Musiker-Biopics sind schwer in Mode. Johnny Cash und Ray Charles wurde schon ein Denkmal gesetzt, die Franzosen ihrerseits setzten ihren Spatz von Paris, Edith Piaf, filmisch in Szene. Nun ist also Bob Dylan an der Reihe. Bööh, denkt sich der den Biopics langsam überdrüssige Filmkritiker. Schon wieder so eine Glorifizierung! Wie spannend. Und weil der Typ halt so extrem wichtig ist, müssen ihn diesmal gleich sechs Leute verkörpern, um dessen Halbgott-Status weiter zu zementieren. Alle Alarmglocken haben Anlass, dunkelrot zu leuchten. Alles Vorurteile!! Denn Todd Haynes' Film ist alles andere als eine anbiedernde Heldenverehrung. Der Titel entstammt einer Textzeile aus einem Dylan-Song. "I'm not there" ist aber auch Programm: Bob Dylan kommt in persona im Film nämlich gar nicht vor, ausser im Vorspann. "Inspired by the many lives and the time of Bob Dylan" steht dort. Und was danach folgt, ist ein bunter Rausch aus Bildern und Musik, in welchem parallel sechs Geschichten erzählt werden, die alle auf unterschiedliche Weise von Bob Dylan inspiriert sind. Über jeden einzelnen der sechs Charaktere und dessen Bezug zu Dylans Biographie könnte seitenweise geschrieben werden - aber erst zusammen ergeben sie das vielseitige und fesselnde Mosaik eines widersprüchlichen Charakters und einer Persönlichkeit, die sich nie in eine bestimmte Schublade stecken liess. Musiziert wird selbstverständlich auch sehr viel. Doch im Unterschied zu anderen Biopics wird nicht einfach ein Best Of aus Dylans Discographie abgedudelt. Viele seiner bekanntesten Hits wie "Knockin' on Heaven's Door" oder das leicht nervige Weltverbesserungs-Liedchen "Blowin' in the wind", kommen im Film nicht vor. Dafür werden einige bekannte, aber auch weniger bekannte Songs von ihm gespielt. Die Maxime lautete offensichtlich, nur in den Kontext passende Songs zu wählen. Eine weise Entscheidung. Auch das Schauspielerensemble leistet tolle Arbeit. Von den sechs allesamt exzellenten Dylan-Darstellern ragt Cate Blanchett über allen. Sie beweist nun auch in einer Männerrolle, dass sie zu Hollywoods besten Schauspielerinnen gehört. Ich empfehle sie für den Oscar für die beste männliche Hauptrolle... Der Film ist auch für Nicht-Dylan-Fans interessant und unbedingt sehenswert. Zwar ist es nicht immer einfach, den sechs recht komplex erzählten Geschichten jederzeit zu folgen. Doch das ist nicht nötig, denn entscheidend ist das Gesamtbild. Einziger Vorwurf, der dem Film gemacht werden kann, ist dessen (Über-) Länge. Filme mit einer solch unkonventionellen Erzählstruktur erfordern ein hohes Mass an Aufmerksamkeit und sind deshalb ermüdender als ein konventionell erzählter Film. Deshalb beginnt man ab der 90. Minute unweigerlich auf dem Stuhl herumzurutschen und sich das Ende herbeizuwünschen - selbst wenn man grundsätzlich begeistert ist. So wird die letzte halbe Stunde nur noch mit halber Aufmerksamkeit wahrgenommen, was schade ist. Dennoch ist I'm not there ein faszinierender Film geworden, der so vielschichtig und widersprüchlich ist wie Dylan selbst. Es sei aber an dieser Stelle gewarnt: Der Film ist kein eigentliches Biopic - aber genau deswegen das wohl beste Biopic aller Zeiten. |
Zu diesem Thema wurden insgesamt 26 Beiträge geschrieben.
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Mach mal halblang! Nein, sonst super Kritik und ich freue mich wahnsinnig auf diesen Dylan Film. Überall wird jedoch nur Blanchett erwähnt, ich hoffe die anderen Darsteller sind genauso gut. Hoffentlich kommen im Film die Songs Like a Rolling Stone, Ballad of a Thin Man und Visions of Johanna vor! |
Zitat henker (2007-09-07 16:15:31)
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"Blowing in the Wind" ist schuld, dass ich während vieler Jahre ein völlig falsches Dylan-Bild hatte. Ich habe mir immer so einen Hippie-Weltverbesserer vorgestellt, der mit seiner Mundharmonika durch die Welt zieht und Protestsongs singt. Und das Lied selbst habe ich auch schon als Kind gehasst, weil ich das in der Primarschule singen musste, bis es mir zum Hals heraushing... Deshalb bin ich erfreut, dass es im Film nicht vorkommt... Like a Rolling Stone läuft beim Abspann, Ballad of a Thin Man kommt auch vor. Visions of Johanna bin ich mir grad nicht mehr sicher... |
Gibt es denn einen Song, der im Film extrem wichtig ist oder von einem der Schauspieler selbst gesungen wird? [Editiert von henker am 2007-09-07 18:02:42] |
Dass Ballad of a Thin Man vorkommt muss ja fast sein. Oder ist die Figur Mr. Jones etwa nicht der Jones aus dem Lied? |
Zitat henker (2007-09-07 18:02:34)
Hmmmm, "I'm not there" vielleicht...?! Der Junge (Marcus Carl Franklin) hat seine Songs glaube ich selbst gesungen. Und ich meine, auch Christian Bale hat ein Lied selbst performt. Könnte mich aber irren. |
Das Poster brauch ich unbedingt! |
Zitat henker (2007-10-19 19:41:51)
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Zitat El Chupanebrey (2007-10-20 00:08:46)
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Heute kamen bei uns die Pressenotitzen in den Briefkasten geflattert. Interessant! Wenn man dem Büchlein Glauben schenken darf, dann haben die sechs Hauptdarsteller grösstenteils unabhängig voneinander gearbeitet. Und die Lieblings-Dylan-Stücke der Fab Six ( Christian Bale: Pressing On (Saved) Zitat Cate Blanchett
Und heute im deutschen ('Tschuldigung!) Wikipedia noch was gefunden: Zitat Harvey Weinstein (Filmproduzent)
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Vorfreude ist offensichtlich die schönste Freude... Apropos freuen, geniess doch noch ein wenig diesen einmaligen Anblick (rechte Spalte)... |
Zitat ebe (2007-12-04 22:21:39)
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Grad gesehen, der Film verarscht Scorseses Biopic doch etwas ... |
Wow. Tja, mir fehlen die Worte. I'm Not There ist gelungen, und wie! Super Story, wunderbare Einzelgeschichten und eine Cate Blanchett in Hochform! Gegenüber ihr fallen die anderen fast etwas ab, einzig Richard Gere und Marcus Carl Franklin können ihr noch einigermassen das Wasser reichen. Ein grandioser Film mit, wie von euros schon erwähnt, einer gewaltigen Hommage/Verarschung von No Direction Home und einem Haufen Anspielungen. Die Länge des Films stört eigentlich nicht besonders, einzig, dass die Spielzeit der verschiedenen Figuren zu unterschiedlich war, gibt einen minimalen Abzug. Ein wichtiger Aufrundungspunkt ist die ganze Geschichte um Mr. Jones und das Buch Tarantula, das Dylan wirklich geschrieben hat (steht bei mir im Bücherregal!). @ ebe & henker @ ebe [Editiert von El Chupanebrey am 2009-06-12 20:57:12] |
Zitat El Chupanebrey (2007-12-16 13:17:31)
Tatsächlich? Ist mir entgangen irgendwie... |
Dylanesk durch und durch: Viele Gesichter, viele Facetten, ein permanentes Mysterium, ein Chamäleon (war auch Todd Haynes' Absicht, Dylan als solches darzustellen). Oder wie Alias (Bob Dylan) in Peckinpahs Pat Garrett & Billy The Kid auf die Frage "Who are you?" antwortet: "That's an interesting question" Auch für Uneingeweihte ein cineastischer und musikalischer Genuss von A-Z. Ausser Marcus Carl Franklin und Cate Blanchett gewinnt allerdings keiner der sechs Dylan-Darsteller wirklich eigenes Profil. Dennoch ein sehr guter Film! [Editiert von Harold Bissonette II am 2007-12-17 18:16:46] |
Na, ich bin jetzt aber echt kein Dylan-Fan und kenne (offensichtlich) nur die bekannten Songs. Irgendwie habe ich auch langsam genug von all diesen Biografien bei welchen ein ganzes leben in einigen Episoden erzählt wird... Der Film hat mich augenblicklich gefangen genommen und zu beginn fühlte ich mich echt überfordert. Ich versuchte aus all diesen Darstellungen schlau zu werden was mir aber mangels Basiswissen nicht gelingen konnte. Zu verworren ist Realität und Fiktion vermischt. Als ich mich nur noch auf die Bildsprache (und die Songs) eingelassen habe wurde das Gefühl und somit der Kinospass augenblicklich besser. Der Film ist sensationell gemacht und die Darsteller haben grosses zur Darstellung beigetragen. Ich kann nun erahnen wie vielschichtig Dylan war (und offensichtlich noch ist) und es wurde die Lust geweckt über den Film zu sprechen und mehr von den für mich unbekannten Songs zu hören. Das Ziel des Kinobesuchs wurde erreicht und ich bin voll von Gedanken und Bildern nach Hause gefahren. Ich werde den Film zu einem späteren Zeitpunkt (mit aufgeholtem Basiswissen) sicher nochmals anschauen. |
Zitat urs[fuk] (2008-01-30 23:00:13)
Dazu folgendes Songzitat: [Editiert von El Chupanebrey am 2008-01-31 22:24:42] |
guter Artikel, gut gemeint zumindest. Wer bei einem "faszinierendem Film" nach 90 Minuten allerdings "Arschkribbeln" kriegt, der scheint ja nicht ganz dem Faszinosum des Films erlegen zu sein. Warum eigentlich nicht? Todd Haynes ist wahrer Dylanfan. Er spürt dem kleinen Mann in seiner Lyrik nach, er schnüffelt nicht in seinem Leben. Er ist distant, er berichtet, er vergöttert nicht. Er liebt. Er liebt Dylans Lyrik. In Haynes' lebt der Mensch, der Dylan morgens, mittags, abends, nachts hört, saugt, glaubt - weil dieser nichts sagend alles sagt: "the unwashed phenomenon, the original vagabond ... who's so good with words, and at keeping things vague". Haynes spürt dem Baez'schen Verlassenheitsgefühl nach wie ein Mensch, der seine Hoffnungen in der Jugend verloren glaubt. Ist das nicht eine wunderbare Klammer, die er mit dem wuscheligen - he's shining brightly! - Marcus Carl Franklin und dem seiner Rolle folgenden Richard Gere malt: "The Hour When the Ship Comes In". Later on it will set sails. Die kleine Welt des Robert Zimmermann, grandios ausgemalt von einem gewissen Bob Dylan. Wer verdient wen? Haynes zumindest verdient beide. "A song will lift / As the mainsail shifts" - Der Film hätte nie enden dürfen... Haynes weiss das, und mit ihm die Menschen, die den Menschen hinter Dylan gesucht haben, vergeblich zumeist. Haynes hat einiges vom Innenleben dieses Poeten verstanden; grandios besetzt im Aussenleben mit Julianne Moore und Charlotte Gainsbourg, deren präzise Zurückhaltung die Wirbelsäule des Films bildet. Zehn Punkte. Kleine Korrekturen hinzu: "Knockin' on Heaven's Door" wird eingespielt, "Blowin' In the Wind" ist ein Lied seiner Zeit, Dylan selbst erscheint im Schlussbild apodiktisch als Inkarnation von sechs Filmfiguren. Dieser Film ist kein Biopic - dieser Film ist ein Ereignis. Dafür gilt es einem zu danken: Todd Haynes. [Editiert von ning the man am 2008-02-06 20:59:19] |
Zitat ning the man (2008-02-06 20:45:27)
Zu deinem Text: Du bringst das Phänomen Dylan auf den Punkt! |
Joan Baez: Diamonds And Rust, 1975. |
Ich kenne das Werk von Bob Dylan nur rudimentär, bin also kein glühender Verehrer. In dem Sinne habe ich den Film "neutral" angeguckt. Mein Eindruck ist, dass ein Kulturschaffender stolz sein darf, mit einem solchen Portrait geehrt zu werden. Zwar mag der Film etwas chaotisch wirken - es sind denn auch einige Zuschauer rausgelaufen -, doch spürt man, dass die Schauspieler und die Produzenten einer grossen Liebe und Bewunderung für Bob Dylan Ausdruck verleihen. Dies gilt nicht nur für die sechs Darsteller von Bob Dylan, sondern auch für die Nebenrollen, so beispielsweise Charlotte Gainsbourg als zeitweise Lebenspartnerin. Alles in allem ist der Film ein Gesamtkunstwerk. Ob Bob Dylan, wenn er den Film anguckt, sich darin erkennt, weiss ich nicht. Dies scheint mir aber auch zweitrangig zu sein. Im Wesentlichen zeigt der Film, wie Dritte den Künstler und seine verschiedenen menschlichen Züge wahrnehmen. Ich finde es im Übrigen auch stark von Bob Dylan, dass er, obwohl er von der Filmproduktion wusste, nicht versuchte, auf diese Einfluss zu nehmen, und dass er damit den Produzenten und Darstellern ein riesiges Vertrauen entgegen brachte. Und damit hatte er Recht. |
Ich war gestern Abend im Kino und habe mir den Film nochmals angesehen. Ich muss meine Bewertung (mehr oder weniger) ändern. Ich gehe von 5,5 auf 6 rauf. I'm Not There zeigt die Eigenheiten von Dylan mit schön gefilmten Bildern und guten Geschichten. So, das habe ich so mehr oder weniger schon gesagt. Aber der Detailreichtum, der geht einem doch erst beim zweitem Mal richtig auf. Etwa die Beatles, die von ihren Fans im Hintergrund hin- und hergejagt werden, was der cartoonhaften Umsetzung der Band sehr entspricht. Ich kann mich nur wiederholen, der Film ist ein Highlight und ein Kunstwerk, das man als Dylan-Fan unbedingt gesehen haben muss. |
Der beste Film bis jetzt in diesem Jahr. Hochklassische Schauspieler (Ben Wishaw kommt leider viel zu selten vor, obwohl er genauso gut ist wie die anderen Schauspieler). Der Film ist speziell, sehr poetisch und tiefgründig, eigenwillig und Cate Blanchett, Heath Ledger und Charlotte Gainsbourg sind wahre Highlights von schauspielerischer Leistungen. Auch der Auftritt von Julianne Moore ist ein Highlight, ausserordentlich amüsant, wenn man bedenkt, dass es solche Interviews wirklich gibt und man dort genauso "dumpfbackig" erzählt. |

