Forum Movies - Reviews: Kino
Beitrag Gabrielle
Gabrielle oder: Je t'aime... moi non plus. Der französische Regisseur Patrice Chéreau (Intimacy) adaptierte, zusammen mit der Co-Autorin Anne-Louise Trividix, das Buch des Schriftstellers Joseph Conrad "The Return" (aus dem Sammelband "Tales of Unrest", 1898) - der zudem mit einem anderen Buch ("Das Herz der Finsternis" bzw. "Heart of Darkness", 1902) für den Film von Francis Ford Coppola Apocalypse Now die Vorlage gab. Das Drama Gabrielle beschreibt, durch einen kurzen Auschnitt, das Leben eines Ehepaars, das, gutbetucht und kultiviert, in der "Belle Epoque" (nicht zu verwechseln mit den "Golden Twenties", die nach dem ersten Weltkrieg begannen) lebt, also in einer Zeitspanne vor dem ersten Weltkrieg (1914-1918) des letzten Jahrhunderts. Die meisten Menschen in der dort beschriebenen Gesellschaft meiden Gefühlsregungen wie der Teufel das Weihwasser und üben sich kontrolliert und mit einer gewissen Zurückhaltung in gekünsteltes Gequatsche - man wählt auch eine unbedingte Anpassung, um ja nicht unschicklich aufzufallen. Der Ehemann trägt diese aufgesetzte Maske und glaubt mit Kontrolle und Macht über seine wunderschöne Frau nach belieben verfügen zu können. Er sieht in ihr fast ein Austellungsobjekt (wie sie all in ihrem grossen Haus ausgestellt sind). Ihre Gefühle zueinander erkalten, die Liebschaft der Ehefrau mit dem Redakteur lässt den Scheitel des Ehemanns nicht mehr am rechten Platz sitzen und der "Showdown" ist unausweichlich. Der Regisseur bedient sich vieler Mittel der Filmsprache und versucht damit die Stimmung und den psychologischen Konflikt einzufangen bzw. er projeziert sie auf das Ambiente: Während sich Jean durch das Menschengewühl am Bahnhof nach Hause begibt, wurde das Bild in schwarzweiss gehalten, gleichzeitig haltet er einen Monolog (über sich, seine Frau und die Meinung anderer über ihn). Dann wieder in Farbe (je nach Szene in den drei Grundtönen variierend), wird die Gesellschaft beim Dinnieren eingefangen. Als Jean den Brief liest und das Glas fallen lässt, ist das Bild unscharf und verlangsamt sich die Zeit im Film. Es gibt Texteinblendungen wie in Stummfilmen, zum Beispiel "Bleiben Sie!". Die Kamera (Eric Gautier) schwebt leicht dahin (gruselig das nach oben Wandeln der Bediensteten im Treppenhaus), das Licht ist wohldosiert, düster gehalten. Manche Aufnahmen wirken wie gestellt (Kunstbilder, Photos), beispielsweise die Szene, wo eine ältere Dame musiziert/singt und die Kamera die lauschende, posierende Gesellschaft einfängt. Herrlich! Mich hat die Geschichte und die Umsetzung an Stanley Kubricks Eyes Wide Shut (Buch "Traumnovelle" von Arthur Schnitzler, 1926) erinnert. Hier hat die Frau den Mann tatsächlich betrogen (kehrte aber wieder zurück), bei Eyes Wide Shot deutet es Nicole Kidman nur an, sie hätte um ein Haar (um das Wort jenes Seemanns) ihren Mann verlassen. Aber in beiden Filmen findet anschliessend eine ähnlich ablaufende Eruption der Gefühle statt. Dem nun geschwächten Mann offenbart sich Ungeahntes, ja fast Unmögliches und die auf ihn herab preschende Realität rüttelt ihn wach. Zuletzt gleicht das schallende Lachen der Isabelle Huppert dem der sich im Schlafzimmer auf den Boden räkelnden Nicole Kidman. Aber, schauspielerisch einwandfrei - phantastisch wie Pascal Greggory diesen anfänglich souveränen und arroganten, dann zerbrochenen Mann mimt; eindrücklich, wie Isabelle Huppert ihren durch die äusseren Missstände unterdrückten Knopf der Gefühle erst bedächtig löst (obwohl, ich hätte als Kontrast gerne eine andere Seite, also eine lächelnde, fröhliche Ehefrau in den Armen des Redakteurs gesehen - die Darbietung ist mir fast zu kühl). Ein handwerklich hochstehender und schön ausgestatteter Film über eine aufrüttelnde Geschichte zweier unverstandenen Menschen, an dessem Ende womöglich ein Neuanfang steht. Auf jeden Fall gibt's am Schluss ein nettes Schmankerl - wie der "edle Tropfen" Diane Keaton sieht Isabelle Huppert so wie sie Gott schuf echt toll aus. |

