L'Histoire de Marie et Julien oder: Gedanken zu einem speziellen Genre
Wem es während der Inhaltsangabe noch nicht klar geworden sein sollte, l'Histoire de Marie et Julien von Jacques Rivette ist ein typischer Vertreter der tückischsten Gattung des Kulturbetriebs. Der heutige Chefdredaktor der "Welt" Roger Köppel nannte es 1998 in einem Essay im Tagi-Magi treffend das "Genre des Scheissfilms". Da ich es nicht besser ausdrücken könnte als er, werde ich mich grösstenteils an seine Formulierungen halten, um Histoire de Marie et Julien zu beschreiben. Laut Köppel erfüllt ein Scheissfilm grundsätzlich vier Kriterien:
- Symbolgehalt - gewollte Langeweile - Semidepressive Grundstimmung - Ästhetik des Widerstandes
Symbolgehalt: "Kein Scheissfilm ohne verborgene Bedeutungen". Auch in Histoire sind die Bilder voller Metaphern, Verweisen, Querbezügen und Verästelungen: Der Uhrmacher, der penibel justierte Uhren aus dem Takt bringen kann. Das Bimmeln des Halsbandes der Katze, der Morgenmantel von Marie, Julien beim Boden wischen und so weiter. Köppel: "Gerade weil die Geschichte so banal bleibt, bedarf sie zwingend der Erhöhung ins Geschraubte".
Gewollte Langeweile: Symbolik alleine macht aber noch keinen schlechten Film. "Der Scheissfilm, geprägt von einem 'ungewöhnlich geduldigen Erzählstil', setzt auf die 'Aktivität der Zuschauer', die sich, sofern sie nicht vorher wegdämmern, zwangsläufig mit ihren eigenen Gedanken beschäftigen müssen" meint Köppel weiter und genau so ging es auch mir. Histoire dauert 2 Stunden und 25 Minuten!
Semidepressive Grundstimmung: Köppel: "Es gibt keine humoristischen Scheissfilme, denn das Humoristische ist ihnen wesensfremd." Die Selbstmordversuche dreier Figuren von den total fünf Figuren, die in Histoire auftreten, sprechen für sich.
Ästhetik des Widerstands: "Der Scheissfilm verweigert sich in einem politischen Sinne Systemen aller Art, und ästhetisch verweigert er sich den gängigen Inszenierungstypen". Unter diesem Deckmantel lässt sich dann so vieles verstecken: Wenn kein Schwein drauskommt, ist es ein Schlag gegen die Spiessermentalität verständlicher Geschichten. Die fehlende Story ist sicher auch bei Histoire gewollt. Nur Idioten stellen Fragen nach dem Sinn einer Handlung.
Wie schloss doch Köppel seinen Essay so schön. "Der Scheissfilm wird uns, das ist klar, bis auf weiteres begleiten." Einen Stern für Emmanuelle Béart. Ihre Schönheit macht den Film ein klitzekleines Bisschen erträglicher.
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