Forum Movies - Reviews: Kino
Beitrag Ricky
Ricky oder: Engelchen oder Teufelchen François Ozon, vielfältiger Regisseur und Drehbuchautor (8 femmes, Swimming Pool), überrascht mit seinem neuesten Werk wohl wieder die ganze Welt. Da beginnt der Film im Stile eines bedrückenden, realistischen Millieudramas, das dem Kino der Dardenne-Brüder sehr nahe kommt. Eine Fabrik, eine überforderte, alleinerziehende Mutter, eine hoffnungsvolle Liebe zweier gewöhnlicher Menschen, die nach kurzer Blüte bald beginnt zu welken. Und dann das! Ein Baby mit Flügeln! Ein fliegender Säugling in einer solchen Welt macht in etwa so viel Sinn, wie wenn Superman in einem Dogma-Film auftauchen würde. Dies soll jedoch nicht als Kritikpunkt verstanden werden. Im Gegenteil: Mit diesem unglaublich skurrilen Einfall manövriert Ozon den Film weg vom tristen Drama hin zu einer fast schon mythologisch angehauchten, tragischen Komödie, deren Grundzüge aber weiterhin durch den realistisch gezeichneten Alltag bestimmt werden. So versucht der Film gar nicht, dieses Kuriosum zu erklären, sondern nimmt dies als Anlass, die Geschichte aufzuhellen. Nicht, dass plötzlich alle Figuren durch die Strasse tanzen würden, doch durch Rickys Aussergewöhnlichkeit entwickelt sich die Familie auch weiter und mit ihr die reichhaltigen Deutungsversuche, wieso, warum, weshalb dies jetzt so passiert? Spontan fällt natürlich die Ähnlichkeit zur Ikarus-Fabel ein, dessen Flügel durch die Nähe zur Sonne verbrannten, worauf er ins Meer stürzte. Auch hier spielt Licht und Wasser eine bedeutende Rolle. Gleichzeitig wird mit Ricky aber auch das Recht auf anders sein propagiert. Mutter und Tochter sehen die Flügel nie als Handicap an, sondern erfreuen sich über Rickys erste Flugversuche. Dass diese bizarren Szenen mit ausgesprochen realen Momenten verknüpft werden, macht es dem Zuschauer jedoch oft schwierig, sich mit den Figuren zu identifizieren, da er immer wieder aufs Neue "geschockt" wird. Letztlich hat es Ozon aber erneut geschafft, mehrere Genres zu mixen, zu verzwirbeln und neu zu arrangieren. Dass sich viele Leute bei Ricky vor den Kopf gestossen fühlen, ist nachvollziehbar und gleichzeitig aber auch Ausdruck unserer festgefahrenen Schaugewohnheiten. Ricky ist eine skurrile Filmmischung, ein seltsames Werk und doch irgendwie echt sympathisch. |

