Forum Movies - Reviews: Kino
Beitrag Il Divo
Il Divo oder: Was die Macht macht Siebenmal Premierminsiter, achtmal Verteidigungsminister, fünfmal Aussenminister, diverse andere Ministerämter, Senator auf Lebenszeit: Wer in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in Italien politisch etwas erreiche wollte, kam nicht um Giulio Andreotti herum. Sein Name stand jahrzehntelang für die Verkörperung der politischen Macht. Heute jedoch steht er vor allem für das "alte" italienische Politsystem, das Anfang Neunziger Jahre vollständig zusammengebrochen ist. Il Divo, das filmische Portrait Andreottis, kommt nicht unbedingt so daher, wie man es von einer Politikerbiographie erwarten würde. Der Film ist grell, laut, spritzig und - vor allem - lustig. Er verzichtet darauf, eine Geschichte von Anfang an zu erzählen, sondern geht davon aus, dass der Zuschauer Andreotti bereits kennt. Oder zumindest den am Anfang eingeblendeten Fakten aufmerksam gefolgt ist. Mit grellen roten Zwischentiteln werden Andreottis Kampfgefährten eingeführt, jeweils mit Spitznamen, ein wenig wie in einem Gangsterfilm von Guy Ritchie. Inmitten einem Rudel Wölfe sitzt mit Andreotti ein Männchen, von dem man nie weiss, ob sein Lebensgeist gerade erlöscht ist, oder ob es sich nur um eine Maske handelt. Sein Darsteller Toni Servillo gibt dabei eine prächtige Performance. Auf der einen Seite ist dabei den Maskenbildnern ein Kränzchen zu winden, die den noch nicht 50-jährigen Servillo glaubhaft in den über 70-jährigen Andreotti verwandelt haben. Servillo brilliert aber auch mit seinem Spiel, das in erster Linie in der Kunst der Zurückhaltung besteht, was sowohl die Mimik, die Gestik als auch die Sprache betrifft. In erster Linie dadurch wird die Aura des Mächtigen hautnah spürbar. Der Film bietet eine Menge sowohl für die Augen als auch für die Ohren und ist deshalb stellenweise ein klein wenig nervig. Für Nicht-Italiener ist es zudem manchmal schwierig, alle Anspielungen in Paolo Sorrentinos Film zu verstehen. Diese fallen oft maschinengewehrsalvenmässig, so dass man sich gelegentlich ein wenig verloren fühlt in der unbekannten Welt der italienischen Politik am Ende des 20. Jahrhunderts. Dennoch ist es erfreulich, dass der Film nicht das Motto befolgt hat, das er selbst dem Film vorausgestellt zu hat: "Wenn man nichts Gutes über jemanden sagen kann, sagt man am besten einfach nichts." Das Zitat stammt übrigens von Andreottis Mutter. |
Zitat ebe (2008-05-24 20:49:00)
|
Zitat rm (2008-05-25 11:37:15)
|
Zitat rm (2008-05-25 11:37:15)
Im Vorspann zu Il Divo wird es jedenfalls Frau Andreotti zugeschrieben. Vielleicht schaut sie ja auch die Simpsons... |
Il Divo Die politische Instabilität, welche Italien seit Jahrzehnten prägt, eignet sich hervorragend für brisante, satirische oder ganz einfach die Vergangenheit aufarbeitende Filme. Dabei sollte aber darauf geachtet werden, dass das ausländische Publikum nicht aussen vor bleibt, da man bei 59 Regierungen in nunmehr 64 Nachkriegsjahren leicht den Überblick verliert. Giulio Andreotti, um den sich Il Divo dreht, war an 33 dieser Regierungen beteiligt, wobei er selber siebenmal Ministerpräsident war. Ausserdem geniesst Andreotti mit seinen nun 90 Jahren das Amt eines Senators auf Lebenszeit und wäre vor drei Jahren, im Alter von 87 Jahren, beinahe noch Präsident des italienischen Senats geworden. Dieses erstaunliche Leben, gepaart mit unzähligen Skandalen und Korruptionsvorwürfen, liefert die Grundlage für Paolo Sorrentinos überambitionierten Film. Il Divo beginnt gleich wie diese Rezension. Bevor der Film überhaupt anfängt, erscheinen einige Schlüsselfakten über die politischen Verhältnisse im Italien der 1970er Jahre - ein etwas zerknirschtes Entgegenkommen der Macher für Nichtitaliener und Nachgeborene. Man merkt, wie stark Sorrentino das Thema Giulio Andreotti unter den Nägeln brannte. Er ist immerhin mit dieser schillernden, aber zugleich unschein- und unnahbaren Persönlichkeit aufgewachsen. Sorrentino (Jahrgang 1970) kannte in seiner Kindheit wahrscheinlich keinen anderen Politiker als Andreotti. Wie schon Todd Haynes' Versuch, sich dem Phänomen Bob Dylan auf unübliche Weise zu nähern - I'm Not There wurde richtigerweise überall mit einem Kaleidoskop verglichen - umgeht auch Paolo Sorrentino sämtliche geltenden Konventionen, die man normalerweise einhält, wenn man sich filmisch einem Politiker annähern will. Es fehlt beispielsweise ein klarer Aufbau. Wer sich nicht mit der Thematik auskennt, wird sich schnell verloren fühlen und sich verzweifelt an wiederkehrenden Motiven festhalten, wobei das einzige wirklich durchgehende Motiv von Il Divo Giulio Andreotti selbst ist. Der Film passt sich seiner Hauptfigur in jedem Charakterzug an. Wortreiche Dialoge sind eine Seltenheit, Durchsichtigkeit stellt sich nie ein. Erst im letzten Akt, als es auf den berühmten Mafia-Prozess zugeht, kehrt filmische Normalität ein. In den zuvor gesehenen 80 Minuten reihen sich Ausschnitte aus Andreottis Leben aneinander, die zwar miteinander verknüpft, aber äusserst kompliziert sind. Es ist ein unmögliches Unterfangen, alle eingewobenen Seitenhiebe und Anspielungen, die Il Divo einem bietet, zu erkennen. Andererseits schuf Sorrentino in seinem Film durchaus auch Raum für etwas Intimität, die sich vor allem in den wenigen Gesprächen des Ehepaares Andreotti widerspiegelt. Und auch der für Italien typische Humor, der zum Beispiel in der Komödie Non Pensarci erstklassig vorgetragen wurde, kommt nicht zu kurz. Hintergründige oder sarkastische Einzeiler finden sich an den unglaublichsten Stellen, das Parlament ist sowieso ein lebender Witz und es wird auch mit einem herrlichen Augenzwinkern auf die Eigenheit der italienischen Politiker, plötzlich mysteriösen "Unfällen" zum Opfer zu fallen, hingewiesen. Paolo Sorrentino hat Giulio Andreotti ein zweifelhaftes Denkmal gesetzt, was an seiner Unangreifbarkeit aber wohl nicht allzu viel ändert. Dennoch beeindruckt Il Divo mit einer wortlosen Eloquenz, eleganten Bildern, satirischem Unterton und einem Toni Servillo in Hochform. Der Reigen dauert knapp 110 Minuten und hinterlässt genug Gesprächsstoff, um sich den Rest des Tages zu vertreiben. Sollte man aber auf die Idee verfallen, sich zu notieren, wer im Film mit wem und wieso, dann endet man wie Giulio Andreotti: Mit nicht enden wollendem Kopfweh. 4.5 Sterne |

